Ars Electronica Festival 2018: Der Fehler als Kunst des Unvollkommenen

Das diesjährige Ars Electronica Festival begibt sich unter dem Motto "Error - the Art of Imperfection" auf die Suche nach den verschiedenen Aspekten von Fehlern. Wann wird aus einem Irrtum ein Fehler, und wodurch wird er zur gefeierten Quelle unvorhergesehener Ideen? [...]

Das Ars Electronica Center in Linz.
Das Ars Electronica Center in Linz. (c) Ars Electronica, Robert Bauernhansl

Zu definieren, was ein Fehler ist, ist schwerer als es auf den ersten Blick scheint. Kein Wunder, beinhaltet der Begriff Fehler sehr unterschiedliche Bedeutungen, die von einem schweren Versagen bis zu kreativen, mitunter sogar gewünschten Leistungen reichen. Die Festival-Gestalter der Ars Electronica beschreiben den Fehler folgendermaßen: „Ein Error ist die Abweichung von dem, was wir erwarten, eine Abweichung von der Norm“, um gleich ergänzend nachzufragen, was die Norm sei und wer sie festlege? Demnach muss ein Error kein Fehler sein, er kann auch eine Chance sein!

Das Festival geht kritisch der Frage nach, wie viel Toleranz wir für solche Abweichungen aufbringen und ob diese für die nötigen Spiel- und Freiräume ausreiche, um die darin liegende Produktivkraft für gesellschaftliche und wirtschaftliche Innovation auch nutzen zu können? Oder lassen wir uns von populistischer Angstrhetorik und Social Scoring ins Bockshorn jagen?

Etwas läuft schief mit der digitalen Revolution

Beobachtet man die aktuelle Situation, dann kommt sehr schnell der Eindruck auf, dass einiges schief gelaufen ist mit der digitalen Revolution und dem 21.Jahrhundert. Millionen von Menschen fühlen sich um ihre Datenhoheit und Privatsphäre betrogen, Täuschung und Fake sind Alltagsrealität geworden und beeinflussen öffentliche Stimmung und politische Meinungsbildung. Und über allem schwebt eine diffuse Angst, in der rasanten Dynamik der Entwicklung auf der Strecke zu bleiben. War der Traum von der schönen digitalen Welt nur ein Irrtum und wie können wir diesen Traum retten?

Optimierungswahnsinn

Perfektionswahn und Technologiegläubigkeit mit dem Drang nach Optimierung, Effizienz– und Produktivitätssteigerung sind Zeichen unserer Zeit genauso wie das bloße Vergnügen an den vielfältigen Möglichkeiten der digitalen Technologien sowie sozialer Medien, die letztlich aber eines bewirken sollen: uns zu digitalen Konsum-Lemmingen zu machen.

Überwachung per Big Data spürt präventiv jede Abweichung von unseren Gewohnheiten auf und Social Scoring soll in Zukunft unser Verhalten noch besser an den gesellschaftlichen Normen und Standards optimieren. Umso perfekter und leistungsfähiger die dafür eingesetzten Technologien werden, umso enger wird es für uns. Wer nicht rein passt, fällt raus.

Unvollkommenheit birgt großes Potential

Im Gegensatz zum Optimierungswahn preist das Festival die Unvollkommenheit, biete doch gerade diese das größte Potential für neue Lösungen. Nicht die Optimierung sollte unser Ziel sein, denn sie ist bloß eine bestmögliche Annäherung und Anpassung an das, was wir jetzt denken können und für richtig halten. Optimierung lässt keinen Spielraum für Unerwartetes und damit auch keinen Spielraum, um tatsächliche Fehlentwicklungen zu erkennen und zu korrigieren oder mit besseren neuen Ideen, andere Wege einzuschlagen.

Daraus ergibt sich ein unerwartetes Fazit: Fehlerkultur, Risikobereitschaft und Kreativität sind die vielleicht wichtigsten Zukunftskompetenzen unserer Zeit.

Wie viele Irrtümer musste die Evolution in den genetischen Sequenzen der Lebewesen machen bis aus LUCA (dem Last Universal Common Ancestor vor 3,5 Mio. Jahren) Homo Sapiens wurde? Und aus wie viel Irrtümern musste der Homo Sapiens lernen, um den heutigen Entwicklungsstand zu erlangen? Um wie viele Erfahrungen und Erkenntnisse wäre die Menschheit ärmer, hätte es immer nur „normale“ Menschen und statistisches Mittelmaß gegeben – keine Andersartigen, Andersdenkenden, Andersfarbigen, Andersgläubigen?

Von Artificial Intelligence to Social Intelligence

Es heißt Irren sei menschlich. Ist dieser Glaube womöglich die Ursache für unser unablässiges Streben nach Perfektion, dass wir glauben mit Technologie und Wissenschaft erreichen zu können? Andererseits fürchten wir uns vor nichts so sehr wie vor einer perfekt funktionierenden Maschinenwelt, die nicht mehr auf uns angewiesen ist, die ohne uns auskommt.

Deswegen geht das Festival der Frage nach: Wie können wir unsere sehr ambivalente Beziehung zu Technologie als treibende Kraft der Gestaltung unserer Zukunft neu denken und welche Irrtümer sollten wir vielleicht nicht wiederholen?

Der Begeisterung für die digitale Welt und künstlicher Intelligenz stellt das Festival die Aufforderung zu sozialer Intelligenz zur Seite und propagiert den Mut zur Unvollkommenheit, denn, so ein mögliches Resümee, vielleicht ist es ja gerade das, was Menschen immer von den Maschinen unterscheiden wird.

Ars Electronica Festival 2018 …

Diese Fragen und Aspekte künstlerisch haben hunderte Künstler, Wissenschaftler, Ingenieure, Designer, Technologen, Entrepreneurs und Social Activists aus der ganzen Welt vom 6. bis 10. September in Linz die Gelegenheit. Dabei wird aktuellen technologischen und gesellschaftlichen Wechselwirkungen und ihren möglichen Ausprägungen in der Zukunft nachgespürt. All das geschieht in und gemeinsam mit einer breiten Öffentlichkeit. Denn Ars Electronica geht hinaus aus den klassischen Räumen der Kultur und Wissenschaft und setzt sich als weltweit einzigartiges Festival für Kunst, Technologie und Gesellschaft mitten in Linz in Szene. Bespielt wird eine Festivalmeile quer durch die Innenstadt, die das ehemalige Post- und Paketverteilzentrum am Areal des Linzer Hauptbahnhofs, den Linzer Mariendom, das OK, das Moviemento, das CENTRAL, die Kunstuniversität Linz, das LENTOS Kunstmuseum, das Brucknerhaus, das Ars Electronica Center und die Anton-Bruckner-Privatuniversität, umfasst. Ideen und Visionen, Kunstwerke und Prototypen, Performances und Konzerte schaffen hier temporäre Frei- und Spielräume, die möglichst viele Menschen inspirieren sollen.

… in der POSTCITY

Festival-Hotspot wird einmal mehr die POSTCITY. Ars Electronica bekommt dieses Jahr noch einmal die Chance, das stillgelegte Post- und Paketverteilzentrum der österreichischen Post AG zu bespielen und hier Festival-Highlights wie die Große Konzertnacht mit Chefdirigent Markus Poschner und dem Bruckner Orchester Linz, das große u19 – CREATE YOUR WORLD-Festival oder das ebenso dichte wie hochkarätige Konferenzprogramm stattfinden zu lassen. Darüber hinaus eröffnet die POSTCITY wieder die Möglichkeit, die Linzer Ars Electronica als eine der größten und spannendsten internationalen Messen für Kreativität und Innovation zu positionieren und damit Fachvereinigungen und –verbände, Unternehmen und Universitäten aus aller Welt anzusprechen.

Nachfolgend ein Video mit Gerfried Stocker, künstlerischer Leiter der Ars Electronica, über die Ars Electronica und den Error als Kunst des Unvollkommenen:

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