Aufstieg und Fall des IE: Wie Microsoft den Kampf um das Internet verlor

Nach einer Reihe von Fehltritten und Zeiten völliger Vernachlässigung hat Microsoft nun entschieden, das Schicksal seines Webbrowsers in die Hände seines Rivalen Google zu legen – und verzichtet damit auf die Möglichkeit, weiterhin ein gestaltender Teil der Online-Welt zu sein. Die weiße Fahne der Kapitulation wurde endgültig gehisst. Was hat den Untergang des Internet Explorers herbeigeführt? [...]

Anfang des Jahrhunderts waren Microsoft und sein Internet Explorer führend auf dem Webbrowser-Markt. Heute droht der Untergang. Was ist passiert? (c) Pixabay.com

Microsofts Ankündigung vom Anfang des Monats, in der es hieß, man wolle die eigene Browser-Technologie zugunsten von Google Chrome fallen lassen – und Edge in einen Chrome-Klon verwandeln -, war für viele nur eine Bestätigung dafür, dass das Unternehmen seinen jahrzehntelangen Kampf um die Browser-Vorherrschaft schon längst verloren hatte.

„Wir beabsichtigen, das Chromium-Open-Source-Projekt anzunehmen […], um eine bessere Webkompatibilität für unsere Kunden und eine geringere Fragmentierung des Webs für alle Webentwickler zu schaffen“, schrieb Joe Belfiore, Vize-Präsident der Windows-Gruppe, am 6. Dezember in einem Update des firmeneigenen Unternehmensblogs. Doch während Belfiore einstimmig das Open-Source-Horn blies, machte er sich gar nicht erst die Mühe, nachzuvollziehen, wie Microsoft überhaupt erst an den Punkt gelangen konnte, nachdem es sich zu Beginn des Jahrhunderts eigentlich als dominierender Browser-Anbieter etabliert hatte. Der Internet Explorer von Microsoft machte Anfang der 2000er Jahre mehr als 90 Prozent der Gesamtnutzung aus, nachdem er seine damalige Konkurrenz, den Netscape Navigator, geradezu spielend in den Boden rammte.

Microsofts Fall war zwar lang, doch niemals unvermeidlich. Microsoft – sie geben es sogar selbst zu – haben auf ihrem Weg so einige Fehler gemacht. Wir haben sechs davon identifiziert, die speziell zum Verfall des Redmonds Browserimperiums beigetragen haben.

Nicht so flexibel wie die Konkurrenz

Obwohl Google Chrome nach seiner Einführung im Jahr 2008 alle sechs bis acht Wochen ein Update erhielt – und Mozilla seit 2011 alle sechs Wochen am Tempo seines Firefox–Browsers schraubte – blieben die Microsoft-Updates dahingehend eher eine Seltenheit.

Der Internet Explorer erhielt seine neuen Funktionen immer nur im Rahmen neuerer Hauptversionen, zwischen denen maximal fünf Jahre (IE5 zu IE6) und minimal ein Jahr (IE10 zu IE11) lagen. In den 10 Jahren seit Chrome erstmals auf den Markt kam, wurde der Google–Browser ganze 70 Mal umgestaltet – der Internet Explorer von Microsoft wurde in dieser Zeit dagegen nur mickrige 4 Mal aktualisiert (IE8 bis IE11).

Sogar Edge, den Microsoft damals als „modernen“ Browser vorstellte, kam im Vergleich dazu mit rasantem Tempo voran. Am Höhepunkt seiner Karriere als Webbrowser bedeutete ‚Tempo‘ in diesem Fall, dass der Microsoft Edge-Browser nur alle sechs Monate neue Funktionen bekam. Während sich Edge im Vergleich zum IE als Gepard-ähnlicher Vertreter seiner Spezies etablierte, war er für die alten Hasen Chrome und Firefox eher einer Schildkröte ähnlich.

Irgendwann tauchten Berichte auf, in denen es hieß. Microsoft wolle die Upgrade-Verbindung zwischen Windows 10 und Edge kappen, um so häufigere Aktualisierungen für den Webbrowser zu gewährleisten. Dieser separate Zeitplan für Edge sollte im Herbst 2017 an den Start gehen.

Nichts ist passiert.

Das Ende des Internet Explorers

Microsoft stellte mit Version 11 die Entwicklung am hauseigenen Internet Explorer ein, der Version, die bis dato noch für Windows 10 zu haben war. Mit dem Debüt von Windows 10 im Jahr 2015 war der IE zwar noch enthalten, auch mit allen notwendigen Sicherheitsuptdates – Aber neue Funktionen? Die suchte man vergeblich. Stattdessen widmete das Unternehmen all seine Ressourcen der Browser Entwicklung von Microsoft Edge.

In dieser Zeit überließ Microsoft fast alle seine Kunden der Konkurrenz. Anfang 2016 waren etwa 89 Prozent aller Windows-PCs mit Windows XP, Vista, 7, 8 oder 8.1 ausgestattet. Nahezu neun von zehn Windows-Computer beinhalteten den längst zum Tode verurteilten Internet Explorer. Mit dem IE in Stasis und einer lebhaften Konkurrenz wie Chrome und Firefox, die sieben bis acht Mal im Jahr aktualisiert wurden, ist es heute kein Wunder mehr, dass die User den Internet Explorer gegen etwas wesentlich Aktuelleres eingetauscht haben.

IE-Nachfolger nur mit Windows 10

Microsofts Entscheidung, Edge nur in Verbindung mit Windows 10 anzubieten – die wohl einen Clear-Cut mit dem bisherigen Browser-Erbe des Unternehmens darstellen sollte – wurde zur Essenz der Hybris Natürlich hat Microsoft erwartet, dass ihre Kunden massenhaft zu Windows 10 wechseln würden; viel mehr und viel schneller, als es bei jedem vorherigen Windows-Upgrade des Fall gewesen war. Die wahrscheinlichste Erklärung für diesen Ansturm: Das Unternehmen stellte Windows 10 immerhin für ganze 12 Monate frei zur Verfügung. Das dreiste Ziel von einer Milliarde Windows-10-Geräten in zwei bis drei Jahren – also bis spätestens Mitte 2018 – war der Beweis für Microsofts Enthusiasmus.

Bei Installationszahlen von einer Milliarde, während die Anzahl aller PCs weltweit 1,5 Milliarden betrug, sowie die missverstandene Vorstellung, dass Standardbrowser immer gewinnen würden, ist es vielleicht verständlich, warum Microsoft so große Hoffnungen in Edge hatte. Man rechnete damit, dass die Verluste des IE – sowie die Möglichkeit, dass die ‚Upgrade-oder-stirb‘-Philosophie einige Nutzer kosten könnte – durch einen schnellen Aufstieg von Edge kompensiert werden würden.

Auch das hat nicht funktioniert.

Von der Unmöglichkeit, Edge wettbewerbsfähig zu machen

Trotz aggressiver Taktiken, um Edge als Standardeinstellung für Webbrowser zu halten – es war lange Zeit viel schwieriger, in Windows 10 ein Konkurrenzprodukt zu Edge zu finden, als es beispielsweise in früheren Versionen des Betriebssystems der Fall gewesen war -, schaffte es der Browser nie, mehr als ein Drittel aller Windows 10-Benutzer anzulocken. Bis November 2018 waren es insgesamt nur noch 11 Prozent. Damit wurde eine geradezu historische Ablehnung des Standardbrowsers erreicht.

Während einige dieser Ablehnungen auf die Anziehungskraft von Chrome zurückzuführen waren – der Browser aus dem Hause Google hatte Ende 2015 längst fast ein Drittel aller Benutzeranteile erobert und wuchs auch danach noch weiterhin – spielten auch die hauseigenen Fehler von Edge eine nicht zu unterschätzende Rolle. Ganz oben auf der Liste der fehlenden Features: Beim Debüt fehlte Edge die Unterstützung für Add-Ons jeglicher Art, eine Auslassung, die unter Nutzern weltweit einen kollektiven Aufschrei bewirkt hat.

Microsoft selbst gab ein noch größeres Versagen zu, als bekannt wurde, dass es die selbst entwickelte EdgeHTML-Rendering-Engine für Blink aufgeben würde, die dem Open-Source-Projekt Chromium entstammt und daher Kernstück von Chrome selbst ist. „Benutzer, die Microsoft Edge verwenden (früher auf Chromium basierend), werden eine erhöhte Kompatibilität mit allen Websites erleben“, versprach Microsoft in einem Blogpost, als besagte Entscheidung öffentlich gemacht wurde (Hervorhebung: Gregg Keizer).

EdgeHTML konnte, zum Teil wegen seiner mangelnden Aktualität, nur selten zu anderen Konkurrenzprodukten aufholen oder, wenn nötig, Gleichheit mit Chrome beibehalten, indem es Seiten richtig renderte oder sie mit hoher Geschwindigkeit renderte. Als Chrome an Beliebtheit gewann, wurden Webseiten in Chromium erstellt oder umgestaltet, um bestmögliche Ergebnisse zu erzielen, ebenso wie die Webseiten zu Beginn des Jahrhunderts in Hinblick auf den IE6 konzipiert worden sind.

Edge hat es nie geschafft, seinen schlechten Ruf im Hinblick auf das langsame Laden von Webseiten oder die richtige Darstellung derselben abzulegen. Mit der Entscheidung „full-Chromium“ zu gehen, will Microsoft das Kompatibilitätsproblem von Edge wohl bis Ende 2019 beseitigt haben.

Der Druck auf die Kunden geht nach hinten los

Ein Artikel der Computerworld legte offen, dass Microsofts Fehler dem Edge-Browser weit vorausgingen, und dass das Unternehmen damit einen Großteil seiner Browserstärke bereits fast ein Jahr vor dem Windows 10 Launch verloren hat.

Im August 2014 gab Microsoft an, dass sie die Unterstützung für den IE einschränken wollten, indem sie Windows-Nutzer dazu aufforderten, die neuste Version des für ihr Betriebssystem geeigneten Browsers zu installieren. Der Auftrag verzeichnete nur noch ein Jahr lang Unterstützung für IE7, vier Jahre für IE8 und IE9 und sieben Jahre für IE 10. Die beliebteste Version des Browsers zu diesem Zeitpunkt war jedoch der IE8. Nur der IE11 überlebte mit vollkommen intaktem Support.

Das Urteil war beispiellos. Kein Browserhersteller hatte seinen Benutzern jemals befohlen, einen Browser abzuschaffen, dessen Support ihnen dennoch weiterhin geschuldet war.

Selbst wenn Microsoft mit einer plötzlichen Annahme des IE11 rechnete, sollte das Unternehmen bald enttäuscht werden. Nach Inkrafttreten des Mandats im Januar 2016, als 53 Prozent aller Microsoft–Browser-Nutzer gezwungen waren, umzustellen, begann auch ein erstaunlicher Rückgang der Nutzeranteile. Im gesamten Jahr 2016 brach der globale Browseranteil von Microsoft um mehr als die Hälfte ein. Der IE11 konnte seinen Nutzeranteil nicht etwa steigern, sondern verlor in den ersten neun Monaten des Jahres mehr als 30 Prozent.

Es ist immer sehr schwierig, etwas Gegenteiliges zu beweisen. Was wäre passiert, wenn Microsoft nicht versucht hätte, die Hälfte der IE-Benutzer dazu zu zwingen, ihren bevorzugten Browser aufzugeben? – Schließlich scheint ein Kausalzusammenhang zwischen der Aufforderung und dem rasanten Rückgang der IE-Nutzung zu bestehen. In dem Moment, in dem sich Nutzer gezwungen sahen, den Browser zu wechseln, entschied sich ein Großteil dazu, dass sie genauso gut zu Chrome wechseln könnten; zu dieser Zeit der wohl größte Konkurrent des IE11.

Microsofts Browser-Anteile 2014 – 2017 (c) IDG / Keizer

Mobile Mogelpackung

Im November 2018 erlangte Google Chrome die Oberhand über alle anderen mobilen Browser. Laut Analytics-Anbieter Net Applications gehören mittlerweile 62 Prozent des weltweiten Benutzeranteils mobiler Webbrowser dem hauseigenen Google–Browser. (Weitere 1 Prozent befanden sich im Besitz des alten Android-Browsers.) Dank des iPhones und des iPads hatte Apples Safari immerhin ganze 29 Prozent inne. Und der dritte mobile Browser? Firefox mit weniger als 2 Prozent.

Währenddessen machten die verschiedenen Microsoft–Browser nur einen Bruchteil des Handy-Marktes aus: sechs Zehntel von einem Prozent, eine Zahl, die so klein war, dass sie in die Rundung von Chrome passte.

Keine dieser Zahlen kommt in irgendeiner Weise überraschend. Der Chrome-Desktop profitiert von seiner plattformübergreifenden Beliebtheit auf mobilen Geräten (bei werkseitigen Android-Endgeräten muss der Play Store enthalten sein). Safari wäre auf dem Desktop noch viel eher zweite Wahl, wenn es nicht der Standard-Browser auf iOS-Geräten wäre.

Und Microsoft hat seinen Kampf um die Browser-Vorherrschaft auch ins Smartphone geschmuggelt und damit jegliche Unterstützung verloren, die seine Desktop-Browser möglicherweise je von Smartphone-Seite aus erhalten haben. Seit Microsoft Milliarden von Dollar aufgrund der Nokia-Katastrophe abschreiben musste, hat sich das Unternehmen von Handys ferngehalten und spielt seither nur noch auf dem Tablet/Hybrid-Markt eine untergeordnete Rolle. Wären die Dinge anders gelaufen, hätte Edge heute möglicherweise genug Marktanteil am kombinierten Desktop-Mobile-Markt, um Entwickler dazu zu bringen, auf Edge optimierte Webseiten zu programmieren, was wiederum das Überleben des Microsoft Edge als eigenständiger Browser sichergestellt hätte.

Doch leider ist es nicht so gekommen.

*Gregg Keizer ist Senior Redakteur für Computerworld.com

Werbung


Mehr Artikel

Laut einer Studie von Accountemps würden aber nur 52 Prozent der Ex-Angestellten zurückkehren. (c) pixabay
News

Chefs wollen ehemalige Mitarbeiter zurück

94 Prozent der Arbeitgeber würden Ex-Angestellte zurücknehmen, wie eine aktuelle Erhebung von Accountemps, einem Tochterunternehmen des US-Personaldienstleisters Robert Half zeigt. In den meisten Fällen haben die Mitarbeiter das Unternehmen kürzlich in gegenseitigem Einvernehmen verlassen. […]

Be the first to comment

Leave a Reply

Your email address will not be published.


*


Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahren Sie mehr darüber, wie Ihre Kommentardaten verarbeitet werden .