Domain Pulse 2020: Expertenbesetzter Branchentreff zur Zukunft des Internets

Beim diesjährigen Domain Pulse, dem Branchenevent der deutschsprachigen Domain-Registries nic.at, denic und SWITCH zeigten namhafte Expertinnen und Experten vergangene Woche in Innsbruck auf, vor welche Herausforderungen der technologische Fortschritt die Gesellschaft stellt und wie die Internet-Branche darauf reagieren soll. [...]

Domain Pulse 2020 v.l.n.r.: Erhard Friessnik, Abteilungsleiter Cybercrime Competence Center im Bundeskriminalamt; Jan-Peter Kleinhans, Stiftung Neue Verantwortung in Berlin; Christof Tschohl, Wiener Research Institut-Digital Human Rights Center.
Domain Pulse 2020 v.l.n.r.: Erhard Friessnik, Abteilungsleiter Cybercrime Competence Center im Bundeskriminalamt; Jan-Peter Kleinhans, Stiftung Neue Verantwortung in Berlin; Christof Tschohl, Wiener Research Institut-Digital Human Rights Center. (c) nic.at

„Wir freuen uns, alle drei Jahre das ‚Who is who‘ der deutschsprachigen Domain-Industrie bei uns in Österreich zu begrüßen“, empfing nic.at-Geschäftsführer Richard Wein vergangenen Donnerstag die 250 Teilnehmer im Innsbruck Congress. Unter dem Motto „Ein Blick in die Kristallkugel“ präsentierten die Veranstalter ein inhaltsstarkes Programm, das unter anderem mit Internet-Governance, War-of-Talents, Künstlicher Intelligenz, 5G oder der Vernetzung im Alltag aktuelle und zukünftige Themen des Internets in den Fokus rückte. Robert Schischka, technischer Geschäftsführer von nic.at, zog nach den zwei intensiven Veranstaltungstagen ein positives Resümee: „Wir haben spannende Einblicke aus den verschiedensten Bereichen und Blickwinkeln erhalten. Genau diese Diversität brauchen wir, um uns den aktuellen Herausforderungen zu stellen. Interdisziplinarität und gute Kommunikation sind der Schlüssel zur Lösung.“

Internet-Governance: Eine neue Generation drängt auf Mitsprache

Maarten Botterman, frisch gekürter Chairman der weltweiten Internet-Verwaltungsorganisation ICANN, stellte in seiner eröffnenden Keynote „Building the Future together“ deren strategischen Plan für die nächsten fünf Jahre vor. Als eines der Hauptziele will man bei effektiver Umsetzung gleichzeitig möglichst vielen Menschen und Stakeholdern Mitsprache in ICANNs Multistakeholder-Modell geben. Mit dem NextGen-Programm soll die Partizipation junger Menschen forciert werden.    

In einer anschließenden Diskussionsrunde mit Vertreterinnen und Vertretern ebendieser neuen Generation mussten sich die alteingesessenen Entscheidungsträger die Frage nach mehr Mitsprachemöglichkeiten stellen lassen. Alt wie Jung waren sich einig, dass die Lösung im Zuhören und Ernstnehmen der jungen Generation liegt, die sich ihrerseits mehr in Internet-Governance Fragen einbringen und einen bewussteren Umgang mit dem Internet pflegen sollte.

Kampf um (junge) Talente

Doch nicht nur Governance-Strukturen auch Unternehmen müssen neue Strategien finden, wenn sie im globalen Kampf um Millenials mithalten wollen, wie die als Sprachrohr der jungen Generation geltende Expertin Steffi Burkhart aufzeigt. Der demografische Wandel werde vor allem in Österreich, Deutschland und der Schweiz ein immer größeres Problem: „Wir stehen vor einem Systemkollaps in Wirtschaft, Verwaltung und Wissenschaft. Dem Kampf um die besten Talente haben Unternehmen aber oft nicht mehr als verkrustete Strukturen und veraltetes Hierarchiedenken entgegenzusetzen“, so die Autorin in Innsbruck. Das sei ein Fehler, denn jungen Menschen seien Flexibilität, Wertschätzung und Mitbestimmung wichtig. „Digitalisierung und Künstliche Intelligenz verändern unsere Arbeitswelt. 65 Prozent der Jobs, in der die Generation Z (ab Jahrgang 1996) arbeiten wird, existierten heute noch nicht.“ Burkhart riet den Unternehmen, ihren Talentpool aufzufüllen, bestehende Mitarbeiter zu qualifizieren, mehr Hierarchiestufen abzubauen und eigene Recruiting-Teams für den Tech-Bereich aufzubauen. Damit nicht genug prophezeit Burkhart: „Die digital geprägte, vernetzte Denkweise der jungen Generation wird die Wirtschaft international nachhaltig verändern.“

Irren ist menschlich: Hilft künstliche Intelligenz?

Selbst wenn viele Jobs durch Digitalisierung verloren gehen, kann die Maschine den Menschen nicht ersetzen. Manfred Müller, Leiter der Flugsicherheitsforschung der Deutschen Lufthansa AG, sprach über die Chancen und Risken der künstlichen Intelligenz und ob diese zu mehr Sicherheit im Flugverkehr führt. „Durch die Erhöhung der Automation wurde die Sicherheit nicht erhöht“, sagte der Ausbildungskapitän. „Der Mensch ist unverzichtbar, macht allerdings Fehler, die es zu reduzieren gilt.“ Zudem sei es wichtig, dass Fehler bekannt werden, um sie in Zukunft zu vermeiden. Durch dieses Risikomanagement konnte die Sicherheit im Luftverkehr laut Müller innerhalb von wenigen Jahrzehnten um mehr als den Faktor 100 erhöht werden. Eine Strategie, die auch in vielen anderen Branchen angewendet werden kann.

Auch Janina Loh vom Institut für Technik- und Medienphilosophie an der Universität Wien mahnte in ihrem Vortrag zur Vorsicht im Umgang mit neuen Technologien. Seit Roboter Mitte des 20. Jahrhunderts in immer mehr Bereichen des menschlichen Lebens Einzug halten, spielen moralischen Fragen bei ihrem Einsatz (Roboterethik) eine zunehmende Rolle. „Handlungen sind moralisch nie neutral, ebenso wenig die Produkte des menschlichen Handelns“, sagte die Wissenschaftlerin. „In allen Bereichen der Robotik ergeben sich zahlreiche ethische Fragen, denen sich die Gesellschaft mit Bedacht und kritischem Bewusstsein stellen muss. Bereits in der Schule sollten Kinder lernen, dass Roboter nicht neutral sind.“

5G: Die neue Generation im Mobilfunk

5G als Herausforderung für die Gesellschaft wurde in einer Diskussionsrunde zum Thema „Bürgerrechte versus Überwachung: Wohin geht die Reise?“ thematisiert. Dabei betonte Christof Tschohl vom Wiener Research-Institut Digital-Human-Rights-Center die Wichtigkeit des Datenschutzes: „Es ist ein Grundrecht und damit staatliche Pflicht, dafür zu sorgen. Der freie Markt kann nicht alles regulieren.“ Für den Datenschützer sind die Menschenrechte dabei rechtlicher Anker und gemeinsamer Nenner. Er fordert mehr interdisziplinären Austausch, um die Folgen der Technik abschätzen zu können. Erhard Friessnik, Abteilungsleiter Cybercrime Competence Center im Bundeskriminalamt, hält dagegen: „Auch Behörden müssen neue Technologien verwenden, bei End-to-End-Verschlüsselungen geraten sie aber an ihre Grenzen. Die Kriminalität verlagert sich zwar in die digitale Welt, die Schäden finden sich aber dennoch in der realen Welt.“ Jan-Peter Kleinhans von der Stiftung Neue Verantwortung in Berlin beschreibt den Zielkonflikt: „Die öffentliche Sicherheit wird durch Zugriffsrechte des Staates auf die Netzwerkarchitektur garantiert, die IT-Sicherheit vertraut dem Netzwerk aber nicht und möchte die Daten so gut es geht schützen.“ Wichtig sei deshalb ein offener Diskurs und Austausch in Europa. Denn eines sei sicher: „Nach 5G kommt 6G.“

Der am besten vernetzte Mann der Welt

Das Vernetzung auch im Alltag eine immer größere Rolle spielt, zeigte Chris Dancy. Der als „am besten vernetzte Mann der Welt“ bezeichnete US-Amerikaner zeichnet mit über 700 Geräten und Apps alle Körperfunktionen, sportliche Aktivitäten oder sein Essen auf und präsentiert die Ergebnisse auf seine Homepage. Am Domain Pulse gab er einen Einblick in seinen Alltag, verglich die neuen Technologien mit Magie und wie man seinen inneren Frieden damit findet: „Wir downloaden keine Apps, wir downloaden Rituale.“

Weitere Infos unter https://domainpulse.at/dp2020/general.


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