„2020 war ein kollektiver Startschuss für die Digitalisierung“

Paul Haberfellner, Managing Director von Nagarro Österreich, lässt im Gespräch mit der COMPUTERWELT das Jahr 2020 Revue passieren, erklärt, was wir aus der Corona-Krise lernen können und skizziert die wichtigsten IT-Trends für das kommende Jahr. [...]

Paul Haberfellner, Managing Director von Nagarro Österreich: "Mittelständische Unternehmen bzw. alle, die auf Abwarten gesetzt haben, wissen nun: Ich brauche IT, sie ist ein unverzichtbarer Eckpfeiler zur Absicherung meiner unternehmerischen Zukunft." (c) Nagarro

Inwiefern hat die Corona-Krise den Geschäftsverlauf 2020 Ihres Unternehmens beeinflusst?
Wir haben bei Nagarro eine agile Arbeitskultur, aber mit Corona waren die Richtungswechsel schon sehr dynamisch. Für manche Branchen war 2020 eine Achterbahnfahrt aus abwarten, wieder anpacken, erneut umorientieren, Krisenmanagement. Wenn man Kunden über viele Jahre betreut, dann lebt man in solchen Unruhe-Zuständen schon mit. Einerseits sollten Projekte quasi über Nacht gestoppt werden, andererseits wurde, wie im Retail, der Ressourcenbedarf hochgefahren. Als IT-Partner haben wir versucht, konstruktiv auszugleichen, Lösungen zu finden, flexibel zu sein und vor allem eine menschliche, partnerschaftliche Haltung zu zeigen. Die IT-Branche gehört unterm Strich zu den Gewinnern in diesem Ausnahmejahr. Jeder hat – wenn auch unfreiwillig – verstanden, dass IT und digitale Lösungen ein integraler Bestandteil des Geschäftserfolges sind. Nagarro darf sich 2020 trotz Corona über Wachstum freuen.

Wie wird sich die Corona-Krise Ihrer Meinung nach im kommenden Jahr auf die IT-Branche bzw. auf Unternehmen auswirken?
Als Folgewirkung erwarte ich für das nächste Jahr, dass ein Nachholeffekt einsetzen wird. Branchen, die heuer eingebrochen sind, deren Situation unklar war, werden nach Ende dieser Phase massiv auf die Tube drücken. Dieser Nachholbedarf wird die IT vor Herausforderungen stellen. Bei der bekanntlich dünnen Ressourcenlage wird man prüfen müssen, wie diese Bedürfnisse abzudecken sind. Außerdem war 2020 ein kollektiver Startschuss für die Digitalisierung. Mittelständische Unternehmen bzw. alle, die auf Abwarten gesetzt haben, wissen: Ich brauche IT, sie ist ein unverzichtbarer Eckpfeiler zur Absicherung meiner unternehmerischen Zukunft. Auch die Home-Office-Erfahrungen werden Auswirkungen haben, auf Mitarbeiter- wie auf Management-Seite. Wer sich noch nicht mit agilen Organisationsmodellen beschäftigt hat – jetzt wäre ein guter Zeitpunkt!

Welche Lehren lassen sich aus dem Jahr 2020 im Allgemeinen und aus der Corona-Krise im Speziellen für die Zukunft mitnehmen?
Das große Learning ist meines Erachtens, dass man eben nicht alles planen kann, auch wenn man noch so viele Simulationen durchspielt. Die wichtigsten Kernkompetenzen waren für uns die klare Kommunikation und die agile Arbeitsweise – zwei Themen, die wir bei Nagarro glücklicherweise aus anderen Gründen immer gefördert und hochgehalten haben. Der Lockdown war eine unvorhersehbare Situation, die gezeigt hat: Wer zeitnah reagieren, sich flexibel anpassen und die Kommunikation entsprechend steuern kann, vermittelt Sicherheit und Klarheit. Aus dem Betriebsalltag würde ich resümieren, dass Technologie zwar vieles bewerkstelligen, nicht aber den zwischenmenschlichen Kontakt ersetzen kann.

Alles was 2020 auf die Schnelle in der IT realisiert wurde muss im nächsten Jahr auf gesunde Beine gestellt werden. Man hat richtigerweise zuerst auf die Fortführung des Betriebes geachtet, jetzt gehören die Schnellschüsse professionalisiert.

Paul Haberfellner, Managing Director Nagarro Österreich

Wie gehen Sie persönlich bzw. im Job mit Lockdown, Home Office, Home Schooling und Social Distancing um? Mit welchen Strategien und Verhaltensweisen sorgen Sie für Ausgleich?
Was das Regelwerk anbelangt, sehe ich das pragmatisch: es ist wie es ist. Das Büro haben wir zum Schutz unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter geschlossen. Für die Zusammenarbeit sind IT, Infrastruktur und Prozesse vorhanden. Als Geschäftsführer ist mir wichtig, in dieser Belastungssituation für die Mitarbeiter da zu sein. Meine persönlichen, privaten Bedürfnisse sind vorübergehend hinten angestellt. Wenn wir bei Nagarro von „Caring“ als Unternehmenswert sprechen, dann bedeutet das in der Realität, dass wir uns unter anderem auch um Grippe-Impfstoffe für die Kolleginnen und Kollegen kümmern, dass wir Laptops für die Home-Schooling-Kinder zur Verfügung stellen und den Mitarbeitern in ihrer Eigenorganisation vertrauen. Ich persönliche gönne mir zum Ausgleich bildschirmfreie Zeit, am liebsten mit einem Buch. Es sei denn, ich werde zur Erklärung von Mathe-Aufgaben gerufen …

Was waren Ihre beruflichen bzw. persönlichen Highlights im Jahr 2020?
Ein berufliches Highlight war bzw. ist, dass Nagarro sich dieser Tage auf die eigenständige Börsennotierung vorbereitet. Für mich begann es in Österreich mit einem kleinen Unternehmen, das wir als Partner und Freunde gründeten und welches später in die Nagarro-Gruppe eingegliedert wurde. Wenn man so ein Unternehmen startet, bleibt man egal in welcher Konstellation immer ein Teil davon. Ein besonderer persönlicher Moment war ein großes Online-Mitarbeiter-Meeting mitten im Lockdown. Alle waren so aufmerksam, interessiert, auch zwischenmenschlich. Ich selbst war zugegebenermaßen ziemlich erschöpft damals und erhielt nach dem Meeting mindestens 25 Anrufe von Kollegen, die mir Unterstützung anboten. Solche Gesten des Zusammenhalts und der Achtsamkeit zeigen den Spirit im Unternehmen.

Welche Themen sollten Ihrer Meinung nach im kommenden Jahr auf der Agenda von IT-Managern ganz oben stehen und warum bzw. welche IT-Themen werden 2021 eine besonders wichtige Rolle spielen?
Alles was 2020 auf die Schnelle in der IT realisiert wurde muss im nächsten Jahr auf gesunde Beine gestellt werden. Man hat richtigerweise zuerst auf die Fortführung des Betriebes geachtet, jetzt gehören die Schnellschüsse professionalisiert. Außerdem auf dem Plan: Digitalisierungskonzepte, je nach Geschäftsbereich. Jedes Unternehmen hat die Chance, das Business von der digitalen Seite abzusichern bzw. zu unterstützen. Dazu gehören Transformationsideen, die schrittweise Umsetzung der Applikationen, das Testing, Überlegungen zum laufenden Betrieb, Cloud-Lösungen als Basis, KI und Big Data als Zukunftsmodell. Diese Projekte sollte man allerdings rechtzeitig planen, weil Experten-Ressourcen sehr gefragt sind.

Dieser Artikel ist Teil einer Interviewserie, für den die COMPUTERWELT rund 50 Top-Manager aus der IT-Branche befragt hat. Weitere Interviews lesen Sie in den nächsten Wochen auf computerwelt.at.


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