„2020 hat man gesehen, was alles möglich ist“

Walter Schinnerer, DSAG-Vorstand für Österreich (Deutschsprachige SAP-Anwendergruppe), lässt im Gespräch mit der COMPUTERWELT das Jahr 2020 Revue passieren, erklärt, was wir aus der Corona-Krise lernen können und skizziert die wichtigsten IT-Trends für das kommende Jahr. [...]

Walter Schinnerer, DSAG-Vorstand für Österreich: "IT-Manager müssen sicherstellen, dass die IT in ihren Unternehmen an die geänderten Geschäftsprozesse und -modelle der Unternehmen angepasst wird. Anpassung an die neue Normalität sollte auch insofern erfolgen, dass sie sich mit dem Thema Cloud-Einsatz auseinandersetzen." (c) DSAG

Inwiefern hat die Corona-Krise den Geschäftsverlauf 2020 Ihres Unternehmens beeinflusst?
Die DSAG musste im Zuge der Krise schnell von einer physischen in eine virtuelle Organisation wechseln. Eine Veränderung, mit der sich der Verband schon seit längerem auseinandersetzt. Konkret hat sich die DSAG der Herausforderung gestellt, wie sich zentrische Architekturen in hybride wandeln lassen und welche Auswirkungen das auch im unternehmerischen Kontext mit sich bringt. Bei meinem Arbeitgeber, der IT-Services der Sozialversicherung GmbH (ITSV), waren wir damit konfrontiert, unsere Kunden rasch beim Umstieg in einen hundertprozentigen Home-Office-Betrieb zu unterstützen, was sehr gut funktioniert hat. Projekte liefen und laufen seit dem ersten Lockdown im Frühjahr ausschließlich im Remote-Modus und wurden beinahe ohne Zeitverzug weitergeführt.

Wie wird sich die Corona-Krise Ihrer Meinung nach im kommenden Jahr auf die IT-Branche bzw. auf Unternehmen auswirken?
IT-Projekte wurden und werden je nach Auswirkungen der Corona-Krise in den einzelnen Unternehmen gestoppt oder verschoben werden. Das hat auch eine DSAG-Umfrage dieses Jahr ergeben, laut der fast 60 Prozent der österreichischen Unternehmen angaben, dass z. B. S/4HANA-Projekte bzw. -Roadmaps verschoben oder sogar prinzipiell zurückgestellt werden. Diese Verschiebungen werden auch zu starken Auswirkungen bei den IT-Dienstleistern führen, wie z. B. Umbau, Auslagerung oder sogar Abbau der IT-Sparte. Außerdem erwarte ich, dass sich im SAP-Beraterumfeld die Ressourcen verschieben bzw. verlagern. In allen österreichischen Unternehmen scheint das Home-Office-Modell dauerhaft angekommen zu sein und ich denke, es wird auch 2021 sowie in den darauffolgenden Jahren weiter eingesetzt. Auch Änderungen bei der Ausstattung der Arbeitsplätze von Großraumbüros zu Einzel-Arbeitsplätzen und Desktop-Sharing werden sich langfristig halten. Welche Auswirkungen die Krise tatsächlich auf die Unternehmen hatte, die ihre Geschäftsprozesse nicht schnell genug radikal umbauen und nur aufgrund starker Unterstützung der öffentlichen Hand überleben konnten oder indem sie Zahlungen aufgeschoben haben, ist heute schwer zu sagen.

Welche Lehren lassen sich aus dem Jahr 2020 im Allgemeinen und aus der Corona-Krise im Speziellen für die Zukunft mitnehmen?
2020 hat man gesehen, was alles möglich ist und auch möglich sein muss, wenn es für ein Unternehmen weitergehen soll. Unternehmen mussten sehr schnell und flexibel auf geänderte Rahmenbedingungen reagieren. Der Umstieg ins Home Office hat branchen- und unternehmensweit recht gut funktioniert – soweit wir das als Interessenvertretung mitbekommen haben auch bei den Unternehmen, die diesem Arbeitsmodell bisher skeptisch gegenüberstanden. Außerdem mussten Unternehmen ihre Geschäftsmodelle überdenken, was ebenfalls in den meisten Fällen gut funktioniert zu haben scheint. Die Geschwindigkeit bei der Einführung und Umsetzung neuer Geschäftsmodelle hat rasant zugenommen und das wird auch, das hoffe ich zumindest, so bleiben.

„2020 hat man gesehen, was alles möglich ist und auch möglich sein muss, wenn es für ein Unternehmen weitergehen soll. Unternehmen mussten sehr schnell und flexibel auf geänderte Rahmenbedingungen reagieren. Die Geschwindigkeit bei der Einführung und Umsetzung neuer Geschäftsmodelle hat rasant zugenommen und das wird auch, das hoffe ich zumindest, so bleiben.“

Walter Schinnerer, DSAG-Vorstand für Österreich

Wie gehen Sie persönlich bzw. im Job mit Lockdown, Homeoffice, Home-Schooling und Social Distancing um? Mit welchen Strategien und Verhaltensweisen sorgen Sie für Ausgleich?
Vieles, was im ersten Lockdown noch schwer zu ertragen war, wie z. B. die Kontaktbeschränkungen, fällt mir jetzt im zweiten leichter. Home Office hatte ich schon früher – wenngleich nicht in diesem Umfang und in dieser Intensität. Dennoch habe ich für mich hier kaum Veränderungen wahrgenommen. Ausgleich find und fand ich auch schon vor Corona durch viel Bewegung an der frischen Luft – so lassen sich Telefonkonferenzen auch während eines Spaziergangs durchführen. Und sofern es erlaubt ist, gehe ich regelmäßig ins Fitness-Studio.

Was waren Ihre beruflichen bzw. persönlichen Highlights im Jahr 2020?
Ein persönliches Highlight war für mich im Februar die Geburt meiner Enkeltochter und, dass ich Mitte des Jahres einen Herzinfarkt gut überstanden habe. Beruflich war die Etablierung eines mehrjährigen Programmes für die Steuerung und Koordination der S/4HANA-Transitions-Projekte der österreichischen Sozialversicherungsträger ein Höhepunkt. Die Vorbereitung und bisherige Umsetzung des ersten Projekts erfolgte beinahe zu 100 Prozent remote.

Welche Themen sollten Ihrer Meinung nach im kommenden Jahr auf der Agenda von IT-Managern ganz oben stehen und warum bzw. welche IT-Themen werden 2021 eine besonders wichtige Rolle spielen?
IT-Manager müssen sicherstellen, dass die IT in ihren Unternehmen an die geänderten Geschäftsprozesse und -modelle der Unternehmen angepasst wird. Anpassung an die „neue Normalität“ sollte auch insofern erfolgen, dass sie sich mit dem Thema Cloud-Einsatz auseinandersetzen. Am Beispiel SAP bedeutet das, dass sie sich mit der Frage befassen müssen, mit welchen Produkten bzw. Komponenten das Unternehmen in Zukunft arbeiten wird und, ob diese in der Public Cloud, der Private Cloud oder On-Premise betrieben werden. Gleichzeitig werden Security-Themen auch weiterhin von Jahr zu Jahr wichtiger und IT-Manager müssen sich mit ihnen befassen.

Dieser Artikel ist Teil einer Interviewserie, für den die COMPUTERWELT rund 50 Top-Manager aus der IT-Branche befragt hat. Weitere Interviews lesen Sie in den nächsten Wochen auf computerwelt.at.


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