KI im Prozess der Informationsgewinnung

Entscheidungen in Unternehmen werden immer noch aufgrund von Excel-Tabellen gefällt. Gute Leute mit IT, Analytics und KI Know-how sind schwer zu finden. Thomas Heinzmann-Graf, Division Leiter BI bei NAVAX, gibt einen Ausblick auf das Thema KI und Business Intelligence. [...]

Thomas Heinzmann-Graf, Division Leiter Business Intelligence der NAVAX Unternehmensgruppe
 (c) Navax
Thomas Heinzmann-Graf, Division Leiter Business Intelligence der NAVAX Unternehmensgruppe
 (c) Navax

Sie sind bereits sehr lange mit dem Thema BI befasst, wie verändert sich BI jetzt durch KI?

Heinzmann-Graf: Ich bin seit 2001 bei NAVAX und seit rund 13 Jahren bin ich mit BI-Projekten befasst. In dieser Zeit hat sich doch einiges verändert. KI bedeutet für mich, dass man die Denkstrukturen des Menschen durch Systeme nachzubilden versucht. Es geht dabei letztlich immer um Entscheidungen bzw. diese zu verbessern. Daher auch der Begriff Machine Learning (ML): die Maschine bekommt sozusagen die Intelligenz eingehaucht, um zu lernen. In der Maximalausbaustufe geht es darum, eine KI zu schaffen, die ein Bewusstsein hat, mit der man kommunizieren kann, so wie der Roboter „Sophia“ – das sehe ich in unserem Umfeld aber noch nicht. Vielleicht ist es ja auch für spätere Generationen normal, dass ein intelligenter Roboter wie „Sophia“ sie berät oder Aufgaben übernimmt. So wie heute Teenager ganz selbstverständlich ein Smartphone nutzen. Für uns sind ML, Mustererkennung und Vorhersagen, z.B. Umsatz- oder Gewinn-Forecast, jetzt die großen Themen. 

Wie sieht da die Praxis in den Unternehmen aus? Gibt es schon konkrete Projekte dazu?

Heinzmann-Graf: Die meisten Unternehmen wissen schon etwas darüber, aber es kommt dann immer die Frage: und wie starte ich damit bei uns im Unternehmen? Das Problem ist: Es gibt kaum Leute in den Unternehmen und am Markt, die das Thema beherrschen, vor allem die Kombination IT, Analytics und KI Know-how ist schwer zu finden. KI allein erreicht gar nichts, sondern es geht gerade im Business Intelligence (BI-) Bereich um die Frage: Was will ich überhaupt wissen und was historisiere ich alles an Informationen? Und heute in unserer vernetzten Welt hat ein Unternehmer gar nicht mehr alle Daten selbst bzw. sind auch Daten von extern etwa Vorhersagen von Marktforschern zur Entwicklung in bestimmten Marktsegmenten durchaus relevant. Da tun sich die Unternehmen noch sehr schwer oder stehen noch vielfach am Anfang. In vielen Unternehmen werden noch immer Entscheidungen aufgrund von Excel-Tabellen und Excel Reporting gefällt. 

Wo sehen Sie da die Gründe oder wo liegen die Hürden in den Unternehmen?

Heinzmann-Graf: Die Unternehmen haben schon allein Probleme, die Daten und Informationen zu sammeln, aufgrund verschiedenster DB-Lösungen, zum Teil auch in der Cloud – das sollte der erste Schritt sein: Daten strukturiert sammeln, wenn Sie davon profitieren wollen. Es braucht auch Lösungskonzepte von den BI-Herstellern für die Unternehmen zur Frage: Was kann ich mit KI und den neuen Technologien tatsächlich lösen? Wahrscheinlich braucht es auch noch mehr Usecases. Was inzwischen verstanden wird, ist das Beispiel Churn Prediction. Etwa im Telco-Bereich vorhersagen können, wann und ob ein Handy-Vertragskunde kündigen wird. Oder im  HR-Bereich vorhersehen, ob ein Mitarbeiter das Unternehmen verlassen wird. Ich denke, in den großen Unternehmen wird da schon sehr vieles getan, die haben auch ihre Experten und arbeiten mit den Unis zusammen. Bei den KMUs schaut das anders aus. Hier braucht es wenig KI, sondern eher klassische BI: KMUs kennen auch ihre Kunden meist sehr genau und wissen, was die wollen. KI kommt dann ins Spiel, wenn es um viele Daten geht. Und da geht es auch um Vertrauen, etwa beim autonomen Fahren.

Jetzt ist BI klassisch im Controlling bzw. Finance-Bereich angesiedelt, was sind da die Anforderungen an die Zukunft? Wie kann KI hier genutzt werden?

Heinzmann-Graf: KI kann genutzt werden, die Unternehmen dabei zu unterstützen, diesen gesamten Prozess der Informationsgewinnung und Vorbereitung der Entscheidungen automatisiert und schnell vorzubereiten. Da sehe ich die Zukunft. Da braucht es nicht 20 Personen, die die Daten zusammentragen, sondern das übernimmt ein KI-gestütztes System. Die Unternehmen gewinnen damit Zeit, sich mit dem Ergebnis auseinanderzusetzen. Der Unterschied zu klassischer BI Software ist, dass man mit KI tatsächlich aus der Historie der Daten heraus eine Aussage treffen kann bzw. sich das System auch selbstlernend immer weiter entwickelt und immer genauer in seinen Prognosen wird. Der Controller sollte heute kein menschlicher Report Generator mehr sein, sondern mithilfe intelligenter IT-Lösungen als Berater des Unternehmens agieren. 

Sehen Sie, ganz generell, die Angst bei den Mitarbeitern in den Unternehmen, dass durch KI Jobs wegfallen werden? 

Heinzmann-Graf: Natürlich gibt es sehr viele Dinge, die man jetzt durch KI automatisieren kann, etwa dass man den HR-Bereich ersetzen kann, dass es keine Taxi- und LKW-Fahrer, aber auch IT-Administratoren mehr gibt, bis hin, dass auch das Management ersetzt werden kann. Im Business-Bereich sehe ich diese Ängste aber weniger: Es braucht ja Leute, die interpretieren, bewerten und schließlich aufgrund von KI dann bessere Entscheidungen treffen können. Die letzte Instanz muss immer der Mensch sein. Aber zurück zum Controlling: Vielleicht kann man in Zukunft auch die Anzahl der Controller reduzieren. Allerdings geht es wie immer um eine Kosten-Nutzen-Rechnung. Einerseits kann man Mitarbeiter reduzieren, hat aber auch Ausgaben in der IT. Es rechnet sich dann, wenn die KI besser und günstiger ist als die eigenen Mitarbeiter. Voraussetzung ist in jedem Fall eine gute Datenbasis oder anders gesagt: ein funktionierendes Data Warehouse. Ich denke, der KI Einsatz wird jetzt in kleinen Schritten überall in Einzelbereichen beginnen, wo man Vertrauen hat: Bei Churn Prediction, Predictive Maintenance für Maschinenwartung oder für automatisiertes Forecasting. Vielleicht wird es auch bald im Transportwesen Einzug halten – wenn es funktioniert, warum sollen dann nicht LKWs oder Taxis alleine fahren? Aber in allen individuellen Projekten und bei kreativen Tätigkeiten ist der Mensch auch in Zukunft unverzichtbar.

Sehen Sie eigentlich durch die Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) eine Veränderung im Umgang mit den Daten oder ein verändertes Daten-Bewusstsein?

Heinzmann-Graf: Die DSGVO macht es in Wahrheit für viele Unternehmen noch schwieriger, weil da jetzt nachgedacht wird: Was darf im System jetzt erfasst werden und wer darf das sehen? Das führt zu sehr vielen Regeln. Das geht so weit, dass auch wir als IT-Dienstleister und Berater auf einmal gar keine Daten mehr von Kunden bekommen, wenn es um das Aufsetzen oder Testen von Systemen geht. Zusammenfassend kann ich sagen: Das Datenbewusstsein ist verbessert, aber es führt auch dazu, dass in vielen Fällen weniger von Personen erfasst wird als vorher.

*Thomas Heinzmann-Graf ist Division Leiter BI bei NAVAX.

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