Experten-Diskussion zu Cloud in Österreich: „Wir sind schon cloudy geworden“

Ob Private, Public, Hybrid oder Multi Cloud: Cloud-Begriffe gibt es viele. Aber welche Angebote haben Erfolg und wie nutzbar sind Cloud-Services heute? Was funktioniert gut, wo lauern Hürden? Die Computerwelt hat darüber mit sieben Experten diskutiert. [...]

Martin Madlo, Interxion: "Es ist ein klarer Trend weg von den klassischen On-Premise- und Private-Cloud-Lösungen hin zur Public Cloud zu erkennen." (c) Timeline/Rudi Handl
Martin Madlo, Interxion: "Es ist ein klarer Trend weg von den klassischen On-Premise- und Private-Cloud-Lösungen hin zur Public Cloud zu erkennen." (c) Timeline/Rudi Handl

Die Lage ist heiter bis wolkig: es ist zwar schon mehr „cloudy“, aber von dick bewölkt ist noch keine Rede. Laut Cloud-Studie von Interxion aus dem Frühjahr 2018 beziehen immerhin schon 35,2 Prozent der heimischen Unternehmen ihre Anwendungen primär aus der Private Cloud im eigenen Rechenzentrum. Martin Madlo, Managing Director von Interxion Österreich, dem größten Colocation Provider in Österreich, ist ganz klar ein Cloud-Fan: „In Wien-Floridsdorf betreiben wir den größten Rechenzentrums-Campus in Österreich mit über 10.000 Quadratmetern Fläche. Interxion propagiert seit rund fünf Jahren das Schlagwort der Hybrid IT. Nicht nur Hybrid Cloud, also den Mix aus On-Premise-Lösungen, Collocation Lösungen und die Nutzung von Public und Private Cloud Lösungen – es geht darum, bei den Unternehmen den richtigen Mix der jeweiligen Anwendungsbereiche oder Work-loads zu finden.


Cloud-Expertengesprach fur die Computerwelt am 18.09.2018: Von links: Mathias Nöbauer, A1 Digital, Jun Iijima, SAP, Computerwelt Autorin Christine Wahlmüller, Roland Gradl, Microsoft, Gernot Schauer, T-Systems, Martin Madlo, Interxion, Leopold Obermeier, Fujitsu, Stefan Nastic, TU Wien und Reinvent (c) Timeline/Rudi Handl
Cloud-Expertengesprach fur die Computerwelt am 18.09.2018: Von links: Mathias Nöbauer, A1 Digital, Jun Iijima, SAP, Computerwelt Autorin Christine Wahlmüller, Roland Gradl, Microsoft, Gernot Schauer, T-Systems, Martin Madlo, Interxion, Leopold Obermeier, Fujitsu, Stefan Nastic, TU Wien und Reinvent (c) Timeline/Rudi Handl

Madlo meint zur aktuellen Studie: „Wir wollten dabei hinterfragen, wo derzeit die Daten wohnen und wo führende Unternehmen in Europa ihre Daten speichern.“ Auch 120 österreichische Unternehmen wurden für die Studie befragt. „Ein Trend ist ganz klar zu erkennen: Weg von den klassischen On-Premise- und Private-Cloud-Lösungen hin zur Public-Cloud-Nutzung, wobei das natürlich abhängig von den jeweiligen Anwendungsbereichen ist.“

„Man sagt immer, die Nordics sind uns zwei, drei Jahr voraus, und dort wären die Technologien bereits etabliert, die bei uns noch diskutiert werden. Jedenfalls liegen Österreich und Deutschland tatsächlich in der Cloud-Nutzung weit dahinter und interessanterweise gleichauf, aber immer noch vor Frankreich und Spanien“, verdeutlicht Madlo die Ergebnisse.

Wenn es um Public Cloud geht, also die Nutzung von IT Services via Internet bei einem öffentlichen Anbieter, sieht es schon ganz anders aus: Nur rund ein Drittel der heimischen Unternehmen bekennt sich derzeit zum Public Cloud Einsatz. Das Wachstumspotenzial und die Conversion Rate zur Cloud sind aber laut alle Prognosen enorm. „Je reifer Technologie-Themen sind, desto mehr sind auch Märkte, die sehr konservativ in Richtung Datensicherheit und Outsourcing eingestellt sind, dazu bereit, sodass die Cloud-Adoption-Rate jetzt deutlich steigen wird. Die gleichen Ergebnisse hatten wir vor zehn Jahre beim Outsourcing„, kommentiert Madlo das Ergebnis.

Outsourcing versus Cloud

Gernot Schauer, T-Systems beim Cloud-Expertengesprach fur die Computerwelt am 18.09.2018 (c) Timeline/Rudi Handl
Gernot Schauer, T-Systems beim Cloud-Expertengesprach fur die Computerwelt am 18.09.2018 (c) Timeline/Rudi Handl

Gernot Schauer, T-Systems Vertriebsleiter in Österreich, hat einen pragmatischen Zugang: „Ich beschäftige mich seit 18 Jahren mit dem Thema Outsourcing und seit vielen Jahren auch mit der Cloud-Thematik. Ich denke, die Cloud-Technologie ist angekommen und sie ist beim Kunden weitgehend akzeptiert. Allerdings sind noch einige Themen wie Datensicherheit und Datenschutz oder die Lokalisierung der Daten offen.“ Leopold Obermeier, bei Fujitsu im Services Presales Bereich tätig und seit gut zehn Jahren bei EuroCloud Austria aktiv, korrigiert gleich: „Outsourcing ist nicht gleich Cloud-Sourcing. Man trifft leider im Moment sehr viele minderwertige Ausschreibungen, die von Sourcing Advisern gemacht werden und die eigentlich als Outsourcing geschrieben werden – und dann wird ein bisserl Cloud Salz drübergestreut, damit es ein wenig nach Cloud klingt. Meine Lieblingspassage ist dann ‚der Kunde erwartet eine fünfjährige Preisbindung‘. So funktioniert Cloud nicht.“ Gernot Schauer reagiert gelassen auf diese Begriffs-Diskussion: „Unsere Aufgabe als Systemintegrator ist es heute, den Kunden den Weg in Richtung eines guten Cloud-Mixes zu weisen.“

Roland Gradl, Microsoft beim Cloud-Expertengesprach fur die Computerwelt am 18.09.2018 (c) Timeline/Rudi Handl
Roland Gradl, Microsoft beim Cloud-Expertengesprach fur die Computerwelt am 18.09.2018 (c) Timeline/Rudi Handl

Eine ähnliche Sichtweise hat auch Roland Gradl, seit 17 Jahren bei Microsoft, anfangs im Consulting Umfeld, heute Leiter der Cloud & Enterprise Business Group: „Für uns ist Digitalisierung ein sehr wichtiger Weg und wird hauptsächlich durch die Cloud gewährleistet. Nichtsdestotrotz ist uns die Flexibilität extrem wichtig, d.h. dem Kunden das zu geben, was er benötigt – ob das jetzt eine Hybrid-Welt oder eine reine Cloud-Welt ist, liegt ganz beim jeweiligen Unternehmen. Und für KMU ist das die größte Chance, an der Digitalisierung teilzuhaben. Cloud-Technologie bietet KMU eine große Chance, am Markt und im Wettbewerb zu bestehen.“

Mathias Nöbauer, A1 Digital beim Cloud-Expertengesprach fur die Computerwelt am 18.09.2018 (c) Timeline/Rudi Handl
Mathias Nöbauer, A1 Digital beim Cloud-Expertengesprach fur die Computerwelt am 18.09.2018 (c) Timeline/Rudi Handl

A1 Digital, Tochterunternehmen der A1 Gruppe, soll den Cloud-Markt nicht nur in Österreich aufmischen: „Wir servicieren alle Länder, in denen A1 tätig ist, mit Cloud-Diensten und agieren auch in neuen Märkten wie zum Beispiel Deutschland“, erklärt Mathias Nöbauer, bei A1 Digital für das Cloud-Business verantwortlich. „Wir stehen hier vor der Herausforderung, dass die Cloud-Nutzung und -Akzeptanz verglichen mit anderen Regionen noch relativ gering sind.“ Aber er sieht auch die rasche Veränderung: „Wir sehen jetzt vor allem im letzten Jahr ein stark beschleunigtes Wachstum im SaaS-Bereich. SaaS-Applikationen wie Microsoft Office 365 kommen bei den Unternehmen jetzt gut an. Auch IaaS-Angebote kommen gut an, wo wir Entwickler und IT-Professionals mit einer Plattform versorgen, und zwar aus Österreich, Deutschland und der Schweiz. Dort stehen unsere Rechenzentren und wir garantieren, dass die Daten auch dort bleiben. Die Kunden wollen, dass ihre Daten sicher verwahrt sind und im eigenen Land oder innerhalb der EU bleiben“, stellt Nöbauer fest.

IoT als Treiber für Cloud

Stefan Nastic, TU Wien und Reinvent beim Cloud-Expertengesprach fur die Computerwelt am 18.09.2018 (c) Timeline/Rudi Handl
Stefan Nastic, TU Wien und Reinvent beim Cloud-Expertengesprach fur die Computerwelt am 18.09.2018 (c) Timeline/Rudi Handl

Als Forscher an der TU Wien und CEO eines IT-Dienstleisters (Reinvent) hat Stefan Nastic einen etwas anderen Blick auf die Cloud-Thematik. Seit zehn Jahren beschäftigt sich Nastic bereits mit den Themen Cloud und IoT. Gerade IoT sei ein wichtiger Treiber in Richtung Cloud. Die Frage ist: „Welche Modelle sollte man anwenden – und wie kommt man von einem Standard-Monolith zu einer richtigen Cloud-native-Lösung?“ streicht Nastic eine der großen Herausforderungen heraus. Für ein Unternehmen ist der Schritt in die Cloud gar nicht so leicht, man muss da einiges an Vorarbeit leisten: „Es ist schon so, dass die ganze IT-Struktur, sowohl technisch als auch kulturell bzw. organisatorisch angepasst werden muss, damit man Cloud native Applications einsetzen kann“, gibt Nastic zu bedenken. Anfang 2018 hat er gemeinsam mit seinem Forscherkollegen Ognjen Scekic das Unternehmen Reinvent gegründet. Zusammen mit einem fünfköpfigen Kernteam, das aus Forschungs- und Industrie-Experten besteht, erstreckt sich das Kompetenzfeld des Unternehmens auf die folgenden Technologiebereiche: Cloud Computing, Social Computing, Internet of Things und Blockchain. „Wir wollen Innovations-, Consulting- und F&E-Partner für die Unternehmen sein, die solche Kompetenzen hausintern nicht besitzen. Unsere Kunden sind vor allem IKT, Greentech und Fintech KMUs aus dem Smart City Bereich.“ Als Beispiel nennt Nastic ein Smart Water Unternehmen, das Lösungen für Wassernetzwerkmanagement entwickelt. Reinvent unterstützt das Unternehmen bei der Entwicklung einer IoT-Plattform und bei der Verbesserung der Cloud-Algorithmen für die Optimierung der Wassernetzwerke.

Jun Iijima, COO SAP beim Cloud-Expertengesprach fur die Computerwelt am 18.09.2018 (c) Timeline/Rudi Handl
Jun Iijima, COO SAP beim Cloud-Expertengesprach fur die Computerwelt am 18.09.2018 (c) Timeline/Rudi Handl

„Wir sind schon sehr „cloudy“ geworden. Man kann gerade auch am Beispiel der SAP sehr gut sehen, wie wir als IT–Unternehmen rasant in die Cloud-Thematik hineingewachsen sind. Einerseits durch eigene Entwicklungen, aber auch durch gezielte Zukäufe“, hält Jun Iijima, seit 1. Jänner COO von SAP Österreich, fest. Mit der Entwicklung in Österreich ist sie aus SAP-Sicht sehr zufrieden: „Unser Cloud-Portfolio hat sich in den letzten Jahren sehr gut am Markt etabliert. Wir sehen auch, dass unsere Kunden mittlerweile für das Thema offen sind. Durch unser breit gefächertes Portfolio gewinnen wir unterschiedliche Zugänge zu unseren Kunden in verschiedenen Bereichen.“ Allerdings muss sich intern bei den Unternehmen noch viel ändern, sagt Iijima: „Wichtig ist, dass eine Wandlung innerhalb der eigenen IT-Abteilung stattfindet, die plötzlich mit neuen Themen konfrontiert werden. Sie können sich künftig nicht mehr nur auf das Betreiben des IT-Bestands allein beschränken.“

Als großen Vorteil der Cloud-Technologie sieht sie, dass vieles gerade für KMUs einfacher wird: „Die Aufgabe der Cloud ist eine Vereinfachung der operativen Themen. Manche Themen müssen einfach Commodity werden, sie müssen in einem Unternehmen vorhanden sein, reibungslos funktionieren und einfach zu bedienen sein. Aber gleichzeitig ist der Anspruch, sowohl von den Anbietern als auch von den Nutzern, dass diese Dinge immer besser werden und immer mehr können.“ Insgesamt, sagt auch Iijima, bietet die Cloud gerade KMU große Vorteile: Skalierbarkeit, überschaubare Kosten, aber auch die Möglichkeit beispielsweise künstliche Intelligenz und IoT einzusetzen.

Cloud mit Verspätung

Leopold Obermeier, Fujitsu beim Cloud-Expertengesprach fur die Computerwelt am 18.09.2018 (c) Timeline/Rudi Handl
Leopold Obermeier, Fujitsu beim Cloud-Expertengesprach fur die Computerwelt am 18.09.2018 (c) Timeline/Rudi Handl

Aber warum ist die Cloud-Nutzung hierzulande nach wie vor zögerlich? Zwar ist die Nutzung in den vergangenen Jahren schon gestiegen, aber der Zuwachs ist vor allem im Vergleich zu anderen Ländern gering: „Der Cloud-Umsatz bei Fujitsu ist in den nordischen Ländern fünf bis sechs mal so hoch wie in Deutschland und Österreich, UK ist auch weit vorne“, bestätigt Leopold Obermeier. „Aber auch Portugal ist beispielsweise gar nicht so schlecht unterwegs. Wir vermuten, dass die Unternehmen dort zum Teil gezwungen waren, kostenintensive eigene IT-Infrastruktur und Services aufzugeben und einfach in die Cloud zu gehen“, berichtet Roland Gradl. „Und die skandinavischen Länder sind sehr innovativ und offen. Eine offene gesellschaftliche Kultur ist sicher etwas, was dazu beiträgt, Themen wie Cloud, Business Intelligence und IoT anzunehmen.“ Ein weiterer Grund für die zögerliche Cloud-Annahme sei, dass es Unternehmen hierzulande „noch nicht so schlecht geht, dass sie gezwungen sind, über Cloud oder andere modernen IT-Architektur nachzudenken“.

Der Kostendruck bzw. Kosteneinsparung ist allerdings für viele ein Thema, sagt Leopold Obermeier und hat ein konkretes Beispiel parat: „Bei einer großen Cloud-Sourcing-Ausschreibung vor ein paar Wochen bekamen wir als Anforderung: Daten in der EU und Zugriff auf die Daten auch nur aus der EU. Wir haben ja weltweit Delivery Center, in der EU etwa in UK, Polen oder Portugal, aber auch in Kazan oder Indien – und wir haben dem Kunden klar gesagt: Aus Indien können wir das Service um die Hälfte billiger anbieten als aus Polen. Die Antwort war: Na dann bieten Sie das bitte an!“

Das oft gegen die Cloud vorgebrachte Argument IT-Security ist Roland Gradl zufolge leicht zu entkräften: „Am Ende des Tages ist der Datenschutz eigentlich ein Argument für die Cloud. Der ganze professionelle Aufwand, der im Rechenzentrum gerade auch in punkto IT-Security und Datensicherheit betrieben wird, ist für Unternehmen, speziell für KMU, gar nicht mehr möglich. Die ganzen Normierungen und Standardisierungen, die da eingehalten werden sollten – das ist für kleine Unternehmen nicht machbar.“

Im Gegensatz zu den restlichen Experten sieht Jun Iijima die Cloud-Aktivitäten bei den Unternehmen durchaus als herzeigbar: „Ich muss da unsere Kunden verteidigen. Vor allem der Manufacturing-Bereich ist sehr offen für die Cloud. Das sind ganz klare Business-Anwendungen, die diese Kunde entdecken. Wir gehen dabei natürlich mehr von den Business-Prozessen und weniger von Infrastruktur, Hosting oder Verwaltung dieser Infrastrukturen aus. Was wir aber sehen, ist, dass sogar der Mittelstand sehr offen ist, z.B. HR-Prozesse in die Cloud zu verlagern.“

Der öffentliche Bereich hat ihrer Meinung nach beim Cloud-Thema viel nachzuholen: „Wir haben eine Riesen-Hürde im Public Sector. Da sollten die Verantwortlichen doch einfach einmal von den Business-Prozessen ausgehen, bevor sie unter dem Deckmantel des Datenschutzes Cloud-Technologie gleich von vornherein ablehnen.“ So gibt es sicherlich Bereiche, etwa in einer Stadtverwaltung, wo durch Cloud Technologie einerseits Effizienzsteigerungen, aber auch Kosteneinsparungen möglich sind. „Man muss ja nicht gleich alle Daten in die Cloud zu verlagern, sondern kann schrittweise durchstarten.“

„Wir beobachten das vor allem im Finanzbereich ganz stark auf Cloud gesetzt wird. Vor fünf Jahren war es noch tabu irgendetwas außer Haus zu geben, sprich Vermögens- bzw. Kundendaten auszulagern. Das hat sich definitiv geändert. Heute haben wir Banken, die es überhaupt nur noch im Internet gibt“, sagt Schauer. Als Beispiel für die erfolgreiche IaaS-Nutzung nennt Schauer das Unternehmen Salzburg Research: „Die betreiben ihr Verkehrsinformationssystem Staufux komplett auf unserer Open Telekom Cloud (OTC). Auf der Plattform werden Telemetrie- und Smartphone-Daten von Fahrzeugen zusammengeführt und ausgewertet. Die Anwender erhalten Informationen zum aktuellen Verkehrszustand auf Österreichs Straßen. Ein gutes Service, finde ich, ist die Bereitstellung von erwarteten zeitlichen Verzögerungen auf bestimmten Routen. Der Vorteil der Public-Cloud-Infrastruktur mit Datenhaltung in Deutschland ist die Flexibilität in der Datenverarbeitung. Lastspitzen können einfach und kostengünstig mit dem Zuschalten von IT-Ressourcen abgefangen werden“, argumentiert Schauer.

„Im Moment wagen eher die großen Unternehmen innovative Projekte, der Mittelstand muss da noch ein bisschen selbstbewusster werden, um diese Agilität mitzumachen. Man muss einfach den Schritt wagen, aber auch in größeren Ausmaßen“, rät Iijima. Das sieht Gernot Schauer nicht so: „Gerade bei den großen Firmen sind Innovation und Agilität eher schwierige Themen. Sieht man sich in Österreich um, dann gibt es ganz viele sogenannte Hidden Champions, also Unternehmen die in Nischensegmenten Europa- oder Weltmarktführer sind. In diesen Unternehmen wird sehr viel in Richtung Digitalisierung unternommen. Diese Unternehmen müssen sich auch weiter öffnen und etwas tun, um gegen die großen Player am Weltmarkt zu bestehen. Sie sind auch wesentlich offener, was das Thema Cloud betrifft, weil sie sagen: Wir sind in 90 Ländern weltweit tätig, meine Daten müssen nicht unbedingt in Oberösterreich liegen.“

„Gute Treiber für Cloud im Mittelstand sind auch IoT und die Digitalisierung der Fertigungsstraßen sowie der Einsatz von künstlicher Intelligenz. Also alles, wo es um große Datenmengen geht. Die Rohdaten für Maschine Learning werden nicht mehr im eigenen Rechenzentrum bearbeitet. Außerdem gibt es schon viele Applikationen, die nur noch aus der Cloud angeboten werden“, bemerkt Leopold Obermeier.

Public Sektor unter Beschuss

„Aber was muss passieren, damit auch der Public Sektor endlich auf den Cloud Zug aufspringt?“, stellt Roland Gradl eine Frage in den Raum. „Ich glaube, da fehlt einfach der Dienstleistungsgedanke dem Bürger noch bessere Services anzubieten und zwar intern wie auch extern“, stellt Gernot Schauer fest. „Ein Beispiel: bei Prüfungskommissionen oder Sonderausschüssen benötigt man immer eine funktionierende IT-Infrastruktur für E-Mail-Systeme, Datenansammlungen, Datenanalyse etc. Das Setup für so eine Umgebung für lediglich zehn oder hundert Benutzer kostet gut und gern 50.000 Euro und wird aber vielleicht nur ein bis zwei Monate oder ein Jahr benötigt. Das bedeutet, dass die heute geforderte Agilität in der Umsetzung überhaupt nicht vorhanden ist. Das ist der Punkt, wo viele Gesellschaften einen Ausweg suchen und auf sogenannte Shadow IT verfallen. Das Aufkommen und der Treiber dafür liegen ganz klar im Versagen der internen IT. Da kommt ein IT-Dienstleister wie gerufen, der sagt: Wir bieten Dir das Gewünschte an – macht es einfach mit uns direkt.“ Schauer sieht noch einen Grund, warum die hauseigene IT oft Cloud lieber verhindert: „Die Nutzung einer Cloud-Lösung bedeutet oft einen Machtverlust für die interne IT.“

„Wir als Cloud-Anbieter sind in Wahrheit die Disruptoren der IT-Abteilungen“, ergänzt Jun Iijima. „Aber die Chance für die interne IT ist, sich neu positionieren, um intern zum Key Player zu werden. Die Cloud schafft neue Möglichkeiten und transformiert die IT-Abteilungen hin zu neuen Themen. Der sichere Betrieb der Services wie Mail-Systeme, neue Releases von Applikationen ausrollen etc. – das sollte 2018 eigentlich kein Thema mehr für die interne IT im Unternehmen sein. Man müsste vielmehr überlegen, wie kann IT in den nächsten zwei bis fünf Jahren dazu beitragen, dass das Unternehmen konsequent die jeweiligen strategischen Business Ziele mit Unterstützung der IT erreicht.“

Auch Martin Madlo äußert sich kritisch: „Dem öffentlichen Bereich, fehlt einfach ein ganz wesentlicher Faktor, der im industriellen Bereich dazu geführt hat, dass die Unternehmen Digitalisierung und Cloud-Technologie schon vielfach umgesetzt haben – und das ist Wettbewerb. Mit wem soll man sich messen? Möglicherweise als Wirtschaftsstandort und auch beim Thema E-Government. Aber dieser harte wirtschaftliche Druck, ich muss mein Unternehmen fit machen, um im weltweiten Wettbewerb zu bestehen, den gibt es da kaum.“
Aber es gibt auch Digitalisierungs-Tendenzen im Public Sektor: „Wir setzen gerade unser erstes Smart-City-Projekt in Österreich auf Cloud-Basis um. Es waren dabei allerdings keine personenbezogenen Daten involviert“, zeigt Mathias Nöbauer auf, dass auch hier die Veränderung im Gange ist. „Es gibt viele Usecases oder Projekte, die sich ohne Cloud-Technologien heute auch gar nicht mehr rechnen würden. Wenn Sie heute bei uns in die A1 Kantine gehen, können Sie Ihr Tablett von einer Kamera scannen lassen und es wird automatisch innerhalb von wenigen Millisekunden erkannt, welche Speisen und Getränke sich darauf befinden. Die Idee und Umsetzung basiert auf einer Kooperation mit dem Startup Moonvision. Diese Idee in einer größeren Skalierung für andere Restaurants anzubieten und dafür jeweils eigene Infrastruktur aufzubauen, würde sich zum heutigen Zeitpunkt kaum rechnen“, verdeutlicht Nöbauer, warum es hier absolut Sinn macht, Rechenleistung via Internet zu beziehen.

Stefan Nastic ist der Meinung, dass bereits 90 bis 95 Prozent der Unternehmen eine Cloud-Strategie haben. „Das ist positiv und negativ. Einerseits wird darüber nachgedacht, aber andererseits fehlt oft eine klare Vision oder sogar Verständnis, was Cloud ist“. Allerdings sei es gar nicht so leicht, den Überblick zu behalten, „die Menge an Technologien hat sich im letzten Jahr verdoppelt, gerade für KMUs ist es sehr schwer, sich hier zurecht zu finden und diese komplexen Technologien richtig einordnen zu können, geschweige denn selbst anzuwenden. Sie brauchen daher gute Unterstützung und Beratung.“ Wichtig sei auch die Prozess-Sicht und das Ziel, das Business mittels IT optimal zu unterstützen. „Die Entscheidung ob man für Cloud ist oder nicht, darf nicht nur rein technologisch geführt werden und auch nicht rein wirtschaftlich. Es sollte Grundbestandteil der Gesamtstrategie eines Unternehmens sein“, lautet die Empfehlung von Nastic. „Am Ende muss ein Mehrwert da sein, alles aufgrund einer technisch eleganten Lösung umzustellen, wird halt auch nicht passieren und ist auch sicher nicht so klug“, schließt sich Roland Gradl dieser Wortmeldung an.

„Die Frage ist: müssen Menschen, deren Core Business nicht IT ist, sondern die ihr Unternehmen vorantreiben wollen, Cloud-Technologie, IaaS oder SaaS verstehen?“, stellt Jun Iijima in den Raum, um gleich selbst die Antwort zu geben: „Ich glaube nicht.“ Dieser Meinung ist Leopold Obermeier nicht: „Es kommt darauf an, welche Implikationen es hat. Was mit den Kunden oder Mitarbeiterdaten passiert, wenn sie in die Cloud transferiert werden, dieses Szenario muss ein Manager oder Geschäftsführer schon verstehen und dieses Risiko selbst bewerten können.“ Hier stimmt Iijima zu, kontert aber ihrerseits: „Das Unternehmen muss einfach schauen: Was möchte ich? Und was würde es heißen, wenn ich diese IT-Architektur bei mir aufbauen würde und was heißt das aber in Hinblick auf Flexibilität, ist da vielleicht der Einsatz von Cloud-Technologie sinnvoll? Aber ob da jetzt Private, Public oder Hybrid Cloud Sinn machen, das müssen sich Profis ansehen und überlegen.“

Zum Bereich der Applikationen ergänzt Mathias Nöbauer: „Zu Standard SaaS-Lösungen gibt es heutzutage in Wahrheit nicht viele Alternativen. Wenn vor drei Jahren noch intensiv über Office versus Office365 diskutiert wurde, so ist heute meist klar, worauf die Wahl fällt. Wenn wir heute auf den Markt schauen, etwa im Bereich Business Productivity oder CRM, dann werden die am Markt führenden Applikationen praktisch nur noch über die Cloud angeboten.“

„Die Value Creation liegt heute einfach in den Daten. Dort liegt das Potential, nicht mehr am Förderband, sondern in dem Erkenntnisgewinn aus den Produktionsdaten und immer mehr im After-Sales-Bereich, was macht der Kunde mit meinem Produkt, verwendet er es wie vom Hersteller geplant?“, stellt Leopold Obermeier fest. Daran scheitern viele Unternehmen, weil oft der CIO nicht im Vorstand sitzt. Das ist aber eine echte Gefahr, wenn die CIOs vom Business abgeschnitten sind. Dort, wo der CIO im Vorstand vertreten ist, funktioniert es hingegen meistens sehr gut. Als Beispiel möchte ich etwa die Post nennen: Da hat CIO Peter Garlock das Unternehmen in den letzten drei Jahren ziemlich umgekrempelt.“

Faktor Mensch

„Die Mitarbeiter müssen auch einen Weg und Optionen sehen, wohin sie selbst hinkommen können, wo sie sich selbst finden – mit Persönlichkeitstraining und technischen Trainings“, rät Roland Gradl, auf die eigenen Mitarbeiter in diesem Veränderungsprozess nicht zu vergessen. „Bei unseren Kunden sehe ich, dass das ein großes Thema ist. Da gibt es für das Management auch nur zwei Möglichkeiten: Entweder trenne ich mich von Mitarbeitern oder man bildet diese für neue Aufgaben entsprechend weiter“, so Schauer. „Leute, die man bislang in der IT gebraucht hat, waren sehr Operations-lastig. Was man künftig braucht, das sind einfach viel mehr Software-Entwickler und da gibt es schon die Schwierigkeit, dass sehr viele Operations-Leute gar nicht Developer werden können oder wollen“, gibt Mathias Nöbauer zu bedenken.

„Das Thema Entwickler ist jetzt schon mehr als präsent. Ich kenne kaum einen Kunden, der nicht jammert, dass er keine Entwickler findet. Das ist jetzt schon ein großes Problem geworden“, sagt Jun Iijima. Als möglichen Ausweg aus dem Dilemma schlägt sie vor, dass Unternehmen auf Core Standard Produkte in der Cloud setzen und diese Lösungen nicht verbiegen, sondern sie durch Apps ergänzen, die für das Unternehmen maßgeschneidert sind.

„Ein Trend, den wir auch beobachten ist, dass große Software-Entwicklungsprojekte keiner mehr übernehmen will“, bestätigt Schauer. „Das ist zu teuer, kostet zu viel, dauert zu lange und es gibt genug Beispiele, wo es einfach nicht funktioniert“. Früher wurde das wesentlich öfter in Angriff genommen, weil es die gewünschten Lösungen am Markt einfach nicht gab. Das ist jetzt nicht mehr so, denn heute läuft in kleineren Projekten alles viel schneller, und dauert kürzer. „Das ist eine radikale Änderung und gehört für mich zur Cloud-Thematik dazu. Denn wenn die Organisation agil ist, sich schnell bewegt und flexibel ist, brauche ich auch eine schnelle IT und eine schnelle Software-Entwicklung, das geht ja alles Hand in Hand.“

Programmieren ist cool

„Wir versuchen das Thema Softwareentwicklung auch in den Schulen mehr sexy zu machen. Viele sehen Codieren noch als Nerd-Thema. Wer Programmieren lernt, hat eine gute Grundlage für viele andere Bereiche und Tätigkeiten“, sieht Roland Gradl entstpechende Bildungsaktivitäten in den Schulen als sehr wichtig. „Wir wünschen uns da auch von der Regierung, dass hier mehr Gewicht darauf gelegt wird, dass Coding wie eine Fremdsprache behandelt wird. Das Thema muss dringend aus der Nerd-Ecke raus“, so Gradl.

Gerade klassische KMUs wie ein Tischler oder ein Elektriker wollen allerdings mit IT wenig zu tun haben, „daher haben wir vor rund einem Jahr einen SaaS Marktplatz gestartet, hier sind unterschiedlichste Lösungen enthalten. Besonders gut werden dabei unsere Einrichtungspakete angenommen. Dabei helfen wir unseren Kunden rasch und günstig bei der Einrichtung von SaaS-Lösungen via Telefon „, erzählt Mathias Nöbauer. Die beliebtesten Cloud-Services sind Nöbauer zufolge Microsoft Office 365, Zoho CRM und Ikarus Mobile Device Management im SaaS Bereich. „Im Iaas-Bereich sehen wir neben den Cloud-Servern nun auch starkes Wachstum im S3 Object Storage. Vielen Kunden ist die Datenhaltung im deutschsprachigen Raum wichtig und dass wir ein europäisches Unternehmen sind. Einer unserer größten Kunden, das CERN, ist da ein typisches Beispiel und setzt auf unsere Cloud Plattform Exoscale. Noch in diesem Monat starten wir mit dem Verkauf von Zoho One, einer kompletten Business Suite für KMUs, die alle Standardgeschäftsprozesse in einer Cloud-Lösung abdeckt.“

„Fakt ist: Wir haben alle Business-Anwendungen cloud-fähig gemacht. Was für uns zählt, ist bei den Unternehmen Vertrauen zu erzeugen, auch businesskritische Daten in die Cloud zu geben, bis hin zur Verarbeitung komplexer Berechnungen in der Cloud. Wir sehen, dass gesamte Geschäftsabläufe in die Cloud verlagert werden, und das ist das Entscheidende“, sagt Iijima. „Es gibt großes Interesse bei Kunden, über SAP auf Microsoft Azure zu reden“, bestätigt Gradl diese Entwicklung. „Cloud bringt auch plötzlich ehemalige Konkurrenten zusammen, indem man plötzlich gemeinsam in Gesamtlösungen denkt“, kommentiert SAP Managerin Iijima lächelnd.

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