Der Amazon-Effekt: Nicht nur ein Problem des Einzelhandels

Ende 2017 meldete der einstige Börsenstar Beate Uhse Insolvenz an. Der Grund: Das Unternehmen hatte das Internet verschlafen. Dagegen verbuchen e-Commerce-Riesen wie Amazon oder Otto.de immer wieder neue Rekordumsätze – Umsätze, die auf Kosten der Einzelhändler vor Ort gehen. [...]

: Stefanie Wagensonner, Marketing Manager DACH & Europe beim Infor GT Nexus Commerce Network. (c) GT Nexus
Stefanie Wagensonner, Marketing Manager DACH & Europe beim Infor GT Nexus Commerce Network. (c) GT Nexus

Der Amazon-Effekt hat das Einkaufen maßgeblich verändert. Dabei ist es noch gar nicht so lange her, dass Kunden mehrere Tage oder gar Wochen auf ihre Online-Bestellungen warten mussten. Längere Wartezeiten nahmen sie dabei noch in Kauf: Das Einkaufen im Netz ist in der Regel bequemer und günstiger. Heute ermöglichen es digitale Lieferketten wie bei Amazon, Pakete schon einen Tag nach der Bestellung entgegenzunehmen. Und es soll noch schneller werden: Lieferungen auf Basis von Uber-ähnlichen Konzepten sollen bereits nach wenigen Stunden beim Kunden ankommen. In Zukunft könnte der Paketbote sogar durch eine Zustelldrohne ersetzt werden, die zu jeder Tages- und Nachtzeit liefert: Die Geschwindigkeit und Verlässlichkeit der Lieferung ist heute das Hauptargument für den Einkauf im Internet. Kunden erhalten alles was sie brauchen und das zu jeder Zeit. Der Preis wird zweitrangig.

Und doch steht die Handelswelt erst für den Anfang der Digitalisierung. Die daraus resultierenden Transformationen werden alle Branchen beeinflussen und Unternehmen dazu zwingen, ihre Geschäftsmodelle und IT-Strategien kontinuierlich zu überdenken. Dabei gibt der digitale Wandel ein rasantes Tempo vor. Großen, etablierten Einzelhändlern wird es schwer fallen, Schritt zu halten. Einer der Gründe, warum frühere Marktführer wie Butlers, Schlecker oder eben Beate Uhse verschwinden.

Dieses Problem betrifft aber nicht mehr nur den Einzelhandel. Der Amazon-Effekt hat auch Einfluss auf B2B-Unternehmen. Zwar hat ein Endverbraucher stets im Blick, wo sich ein bestelltes Produkt gerade befindet und wann mit der Lieferung zu rechnen ist. Eine Fracht im Wert von 20 Millionen Euro, die gerade auf dem Pazifik unterwegs ist, bleibt hingegen immernoch unterhalb des Radars. In Zeiten von schnellen Entwicklungszyklen wird ein Überblick über die Lieferkette geschäftsentscheidend. Nur so bleiben etablierte Konzerne gegenüber technologisch überlegenen neuen Wettbewerbern konkurrenz- und zukunftsfähig.

Die Digitalisierung beeinflusst alle Branchen

Im digitalen Zeitalter ist der nächste Konkurrent schließlich nur einen Mausklick entfernt. Endverbraucher erhalten auf Plattformen wie Check24 oder Verivox sofort Preisvergleiche geliefert und werden mit Gratislieferungen und Boni belohnt. Dabei wickeln sie alles komfortabel von der eigenen Couch aus ab und müssen sich nicht mit lästigen Telefonaten oder Beratungsgesprächen herumschlagen. Hier sind die etablierten Unternehmen die großen Verlierer. Das gilt nicht nur für Händler. Auch große Rohstoff-, Pharma- oder High-Tech-Unternehmen müssen mit Einbußen rechnen und können Opfer des Amazon-Effekts werden.

Etablierte Unternehmen müssen umdenken, denn Technologien und Lieferketten entwickelten sich in den letzten 15 Jahren rasant weiter. Über das Internet bestellte Produkte sind meistens schneller und günstiger. Darüber hinaus ist es heute kein Problem mehr, unterschiedlichste Produkte online zum Verkauf anzubieten und eine sichere Bezahlfunktion zu ermöglichen. Ob fertige Ware, Ersatzteile oder Industriezubehör: Der Traum von allumfassenden virtuellen Einkaufszentren wird immer greifbarer. Das wird alle Branchen betreffen.

Auch die Industrie spürt den Wandel bereits. Etablierte Automobilhersteller beobachten den Konkurrenten Tesla mit Argusaugen. Elon Musk stellt die Automobil-Branche mit seinen Ideen auf den Kopf. Ein Tesla-Showroom bietet den Kunden ein Erlebnis und hebt sich dadurch weit von lokalen Autohäusern ab. Sobald Tesla in der Lage ist, seine Produktions- und Lieferkettenprobleme zu lösen, stehen 450.000 Menschen auf der Warteliste, um ihren Benzinfresser gegen einen neuen Tesla Model 3 einzutauschen.

Grundlagen des Wandels

Solch rasche Veränderungen in den verschiedenen Branchen sind Ergebnisse der vielen technologischen Fortschritte in der Supply Chain. Wäre Amazon nicht in der Lage, die angebotenen Produkte so schnell zu liefern, würden wir heute nicht über den Amazon-Effekt diskutieren. Nicht umsonst arbeitet Amazon sogar an einer eigenen Speditionseinheit, um seine Lieferkette noch besser zu kontrollieren. Für Logistikunternehmen wie DHL oder DPD könnte das bald ein Problem darstellen.

Solange es nicht möglich ist, Produkte wie Captain Kirk von A nach B zu „beamen“, müssen Unternehmen ihre Lieferketten immer weiter optimieren. Technologien zur Transparenz in der Supply Chain, Machine Learning, Bestellmanagement und netzwerkbasierte Informationsplattformen sind mittlerweile ausgereift und bieten eine ideale Unterstützung für die Logistik. Haben Unternehmen ihre Lieferketten nicht im Griff, werden sie sich in Zukunft schwer tun, sich gegen digitalisierte Konkurrenz durchzusetzen. Amazon und andere große E-Commerce-Unternehmen machen es vor. Sie investieren kontinuierlich, um die Liefergeschwindigkeit und das Kundenerlebnis zu verbessern und sich fit für die Zukunft zu machen. Wirklich wundern würde es dann niemanden, wenn morgen die Schlagzeile zu lesen ist: Amazon arbeitet an einer von Star Trek inspirierten Transporttechnologie.

*Stefanie Wagensonner ist Marketing Manager DACH & Europe beim Infor GT Nexus Commerce Network.

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