Stichwort Kult: Im Olymp der Technik-Ikonen ist noch viel Platz

Das zeitlose Phänomen Kult bei Technikgeräten ist tatsächlich ein breites Gebiet. Wer im Internet in die Suchmaske „Was ist Kult“ eintippt, stößt generell auf eine große Anzahl an Ergebnissen und Links. [...]

Kultobjekte gibt es viele. Auch und gerade technische Objekte und Status-Symbole. Bei den Autos hat etwa der Porsche 911 Kult-Status. (c) Pixabay

Da gibt es in so manchem Ort eine Kult-Kneipe und in Kinos laufen Kult-Filme. Tanzwütige feiern in Kult-Clubs zu Kult-Liedern und stillen ihren Durst mit Kult-Getränken. Jung gebliebene Erwachsene zocken Kult-Computerspiele und in Verkaufsanzeigen wird nach einem Kult-Plattenspieler gesucht. Seit den 1990er-Jahren hat die Vorsilbe viele Träger geadelt, darunter auch viele technische Geräte und Innovationen. 

Erste Erkenntnis: Kult ist nicht definiert. Für Fußballfans ist Diego Maradona Kult, für Cineasten Robert de Niro, für Menschen in Ostdeutschland Club-Cola und für Technik-Fans das Computerspiel Pac-Man oder Geräte von Apple. Kult ist eher wie eine Deutschklausur: persönliche Ermessenssache. Zweite Erfahrung: Zwar ist das Massenphänomen selbst zeitlos, was gerade Kult ist, aber nicht. In den 2000er-Jahren waren zum Beispiel Handy-Klingeltöne der Hit, heute spielen sie im Vergleich dazu so gut wie keine Rolle mehr. 

Oft ist Kult etwas, was früher einmal ‚in‘ war, etwa Schallplatten oder Kassetten. Doch die Kult-Geschichte reicht viel weiter zurück. Mindestens seit Moses Bergwanderung braucht die Menschheit ihre Goldenen Kälber. Sony-Walkman, Atari 2600, Commodore 64: Das Kalb hat die verschiedensten Formen angenommen. Immer weiter hat es sich auf dem Weg der Säkularisierung vom Religiösen entfernt. Heute flimmert es auf Handy-, Tablet-, Computer- und Fernsehbildschirmen und ist im Supermarkt erhältlich.

Auch online kann Kult bequem nach Hause bestellt werden. Wie etwa das Tamagotchi. Das Elektronikspielzeug um virtuelle Tiere kam erstmals Ende der 1990er-Jahre auf den Markt und war nach dem Verkaufsstart so heißt begehrt, dass es dafür sogar einen Schwarzmarkt gegeben hat. Auch die Neuauflage in den 2000er Jahren stieß auf großes Interesse. Eine aktuelle, überarbeitete Auflage kommt mit Smartphone-App auf den Markt. 

Kultobjekte haben ihren – hohen – Preis

Früher war Kult etwas Gewachsenes, das Zeit brauchte und nur in den Köpfen weniger fruchtbaren Boden fand. Heute muss niemand mehr seinen persönlichen Kult suchen. Denn „Kult sells“ – eine Formel, die Marketingstrategen schon lange für sich entdeckt haben. 

Firmen wie Apple, Alphabet, Tesla oder Intel haben ein großes Werbebudget, um ihre Dienstleistungen und Produkte am Markt zu positionieren. Amazon investiert laut dem Fachmedium AdAge 21.000 US-Dollar in Werbung – pro Minute. Aktuell sehr angesagt sind Produkte im Smart-Home-Segment und Software-Dienstleistungen. Befeuert vom Trend zum Internet der Dinge werden aktuell zahlreiche Haushalte mit vernetzten Geräten ausgestattet. 

Aber Kult hat seine eigenen Gesetze. In den Kultstatus gelangt man manchmal auch ganz ohne oder nur mit vergleichsweise geringem Werbebudget. Zum Beispiel indem man zu den First Movern, zu den Trendsettern, gehört. So wie zum Beispiel Canary und Smartfrog. Die beiden Technologieunternehmen zählen zu den Pionieren in Sachen Heimüberwachung via Internet. Mit ihren vielfach ausgezeichneten, nützlichen Internet-Kameras ist es möglich via Mobiltelefon jederzeit und von überall nachzusehen, ob Zuhause alles in Ordnung ist. Registriert die Kamera eine Bewegung, erhält der Nutzer eine Nachricht auf sein Gerät.

Nicht nur Unternehmen stellen Kult-Produkte her. Unfreiwillige Kult-Produzenten“ waren vor allem in früheren Zeiten Institutionen wie die Freiwillige Selbstkontrolle (FSK) oder die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (BPjM). Sie bestimmten, wie weit pubertierende Jungs in den Ausschnitt des weiblichen Stars gucken dürfen und schlugen zu, wenn allzu viel Brutalität gezeigt oder besungen wurde. Nicht selten erlangten Filme, Lieder und Computerspiele dadurch erst Kultstatus, denn trotz Indizierung war das Werk natürlich im Umlauf und erfreute sich durch das begrenzte Angebot großer Beliebtheit.

Auch richtig schlechte Dinge können zum Kult werden

Ja, Kult kann mitunter sogar so schlecht sein, dass es zu schlecht ist, um nicht gut sein zu müssen – wie etwa Karl Klammer. Die Cartoon-Figur von Microsoft, mit dem Aussehen einer Büroklammer mit zwei Augen, wurde seit ihrer Einführung 1996 gehasst und verspottet. Intern sollen Microsoft-Entwickler den Office-Assistent „TFC“ (the fucking clown) genannt haben und für das Time Magazine zählt Karl Klammer gar zu den 50 schlechtesten Erfindungen aller Zeiten. Trotzdem feierte der Cartoon in Microsoft Teams, Microsofts Slack-Alternative, ein Comeback. 

Und heute? Inzwischen haben sich zur Kult-Welle die beiden Geschwister Retro und Vintage gesellt. Dabei bezeichnet Vintage Dinge, die tatsächlich aus der ursprünglichen Zeit stammen, wohingegen Retro Neuauflagen sind. Sehr gesucht sind zum Beispiel originale Geräte, die von Dieter Rams designt wurden, wie der Plattenspieler Braun SK4. Wegen seiner Form und der Abdeckungshaube aus Acrylglas wird das Gerät umgangssprachlich auch Schneewittchensarg genannt. 

Auch Apple-Gründer Steve Jobs fand am Design von Rams Gefallen. So hat der 2001 erschienene Ur-iPod von Apple unverkennbar eine Ähnlichkeit zum von Rams designten Taschenradio T3 aus den 1950er Jahren. Zu den Dauer-Kult-Klassikern zählt eine Retro-Digitaluhr von Casio. Das Modell 168WA-1Yes im 80er-Jahre-Design findet auch heute noch zahlreiche Käufer unterschiedlichen Alters. Unabhängig davon, was Kult ist und künftig noch Kult werden wird – im Olymp der Technik-Ikonen ist noch viel Platz frei.

*Alexander Hauk ist seit mehr als 20 Jahren als Journalist, Pressesprecher sowie Kommunikationsexperte tätig und ist Mitglied im Deutschen Journalisten-Verband.


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