„Low Code bringt alle im Unternehmen an einen Tisch – nicht nur Entwickler“

Automatisierung heißt das Zauberwort, um effizienter, schneller und mit geringeren Kosten zu produzieren. No-Code- und Low-Code-Lösungen spielen hier eine immer wichtigere Rolle. Die COMPUTERWELT hat Derek Roos, Gründer und CEO des Mitte 2018 von Siemens übernommenen Low-Code-Unternehmens Mendix zu diesem Thema interviewt. [...]

Derek Roos, Mitgründer und CEO von Mendix.
Derek Roos, Mitgründer und CEO von Mendix. (c) Mendix

Was unterscheidet Mendix vom Mitbewerb?

Um zu verstehen, was Mendix auszeichnet, muss man wissen, wie wir überhaupt entstanden sind. Vor der Gründung von Mendix vor über einem Jahrzehnt haben meine Mitgründer und ich in der Softwarebranche gearbeitet. Damals haben wir erkannt, dass der Softwareentwicklungsprozess grundlegend falsch lief – und weitgehend auch immer noch falsch läuft. Die Leute, die die Software brauchten, um den Erfolg ihres Unternehmens zu steigern, und die Entwickler sprachen nicht die gleiche Sprache. Und sprechen sie oft immer noch nicht. Egal wie oft eine Softwarelösung zwischen den beiden Parteien hin und her ging – und sie ging oft hin und her – der Anforderungsprozess verschleierte die tatsächlichen Geschäftsbedürfnisse. So war es extrem schwierig oder nahezu unmöglich, eine Lösung zu finden, die erfolgreich, geschweige denn transformativ, war. Der Prozess war und ist in vielen oder den meisten Fällen immer noch äußerst langwierig, unnötig teuer und frustrierend für alle Beteiligten.

Was Mendix unterscheidet: Es ist zum einen die einzige Plattform, die eine tiefe, klare und eindeutige Zusammenarbeit zwischen Fachabteilungen und IT ermöglicht und unterstützt. Die Fachabteilungen benötigen neue Anwendungen, um die digitale Transformation des Unternehmens voranzutreiben, die Effizienz zu verbessern und Kundenbedürfnisse zu erfüllen. Die IT-Abteilung möchte dringend eine führende Rolle bei der Entwicklung von innovativen Anwendungen spielen – ist aber meist so im Rückstand, dass die meisten ihrer Ressourcen für das „Tagesgeschäft“ benötigt werden. Wir bringen diese beiden Seiten zusammen, was für den Erfolg unerlässlich ist.

Zweitens unterstützen wir diese Zusammenarbeit mit visuellen Modellierungstools, die es erstens den weniger technikaffinen Mitarbeitern erlauben, Prototypen gemäß ihrer Ideen und Bedürfnisse zu erstellen und es zweitens professionellen Entwicklern ermöglichen, diese Ideen in Form von Unternehmensanwendungen effizienter als je zuvor umzusetzen. So können Unternehmen die Mitarbeitereffizienz maximieren, was wiederum in die Gestaltung ihrer digitalen Zukunft einzahlt und eine Vielzahl von Herausforderungen auf einmal löst. Um es ganz klar zu sagen: Wir glauben, dass diese Art der umfassenden, kollaborativen Entwicklung der einzige Weg ist, wie Unternehmen ihre digitale Zukunft gestalten können. Und tatsächlich gestalten wir mit der Mendix Low-Code-Plattform die Zukunft der Softwareentwicklung und damit die des digitalen Unternehmens.

Auf der technischen Seite gibt es eine Vielzahl von Features, die uns auszeichnen: Wir haben die einzige KI-gestützte Low-Code-Umgebung und bieten die einzige echt-native mobile Low-Code-Entwicklungsplattform. Wir haben tiefgreifende Partnerschaften mit IBM, Siemens und SAP. Unsere Kunden profitieren besonders von der erweiterten Integration mit dem industriellem IoT durch Siemens MindSphere sowie von der einzigen Low-Code-Partnerlösung für SAP HANA. Für das Höchstmaß an Flexibilität unterstützt unsere Plattform jede Cloud-Umgebung – die Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Dies sind einige der Gründe, warum uns Gartner Forrester konsequent als „Leader“ und „Visionäre“ positionieren.

Und natürlich sind wir der einzige Low-Code-Anbieter, der auf die Ressourcen und die Reichweite eines der weltweit größten digital getriebenen, breit gefächerten Unternehmens mit Fokus auf die Bereiche IT, Industrie, Finanz- und Gesundheitswesen, Transport und Energie zurückgreifen kann.

Welche Auswirkungen hat die Übernahme von Mendix durch Siemens in Bezug auf Kunden und Partner? 

Teil von Siemens zu sein, ist ein großer Gewinn für unsere Kunden und Partner und natürlich auch für unsere Mitarbeiter. Unsere Reichweite umfasst nun buchstäblich die ganze Welt. Wir können auf unglaubliche finanzielle, geografische und intellektuelle Ressourcen zurückgreifen. Unsere Kunden und Partner profitieren ebenfalls von dieser dramatischen Größenzunahme. Vielleicht am wichtigsten ist hier, dass sie die Gewissheit haben, dass es Mendix langfristig geben wird und dass sich die Einführung der Mendix-Plattform für viele Jahre für ihre Unternehmen auszahlen wird.

Welche Auswirkungen hat die Übernahme von Mendix durch Siemens in Bezug auf die Softwareentwicklung? Haben Sie Zugang auf die Entwickler-Ressourcen von Siemens? 

Siemens bringt tiefgreifendes, vertikales Fachwissen auf eine Weise ein, wie es nur wenige Unternehmen können. Daher liegt unser Fokus darauf, die Leistungsfähigkeit von Mendix mit diesem Fachwissen zu kombinieren, um neue und differenzierte Softwarelösungen auf den Markt zu bringen.

Die Übernahme hätte keinen Sinn ergeben, wenn wir nicht geplant hätten, die jeweiligen Stärken des anderen zu nutzen. Wir haben bereits mit dem Siemens-Team zusammengearbeitet, um Mendix in Siemens MindSphere zu integrieren. MindSphere ist das cloudbasierte, offene IoT-Betriebssystem, mit dem Unternehmen den Wert, den sie aus ihren IoT-Investitionen ziehen, drastisch steigern können. Wir sehen dies nur als die erste von vielen starken Kooperationen. Die Siemens Digital Factory Division, zu der wir jetzt gehören, ist ein Unternehmenszweig mit einem Volumen von fast 13 Milliarden Euro und vielen Kompetenzzentren in zahlreichen Branchen. Hier entsteht die Zukunft, und wir alle in der Digital Factory Division freuen uns darauf, sie gemeinsam zu gestalten.

Schränkt Siemens die Selbstständigkeit von Mendix ein? 

Ich hätte mir kein vorteilhafteres Arrangement für alle Beteiligten vorstellen können. Diese Verbindung bringt das Beste aus beiden Welten zusammen. Im Rahmen der Siemens-Regelung „freedom to act“ behalten wir unseren Namen, unsere Führung, unsere Kultur, unsere Büros, unsere Mitarbeiter – praktisch alles, womit wir meiner Meinung nach erfolgreich geworden sind. Unsere Roadmap für das Unternehmen und die Plattform hat sich nicht wirklich geändert, nur dass wir jetzt auf umfangreiche Ressourcen zurückgreifen können, die es uns ermöglichen, unser Innovationstempo und unser Unternehmenswachstum radikal zu beschleunigen. Siemens hat uns für das gekauft, was wir erreicht haben, was wir zu bieten haben und wohin wir wollen – nicht, um uns zu verändern. Siemens nennt es „freedom to act“, aber in meinen Gedanken und meiner Realität ist es „Freiheit zum Erfolg“.

In welcher Form unterstützen Low-Code-Tools die digitale Transformation? Beschleunigt Low-code einfach die Entwicklung von Software oder gibt es zusätzlich auch einen disruptiven Aspekt, sprich eröffnen sich durch Low-Code auch neue Geschäftschancen?  

Die Mendix Low-Code-Plattform eröffnet auf jeden Fall neue Geschäftsmodelle. Es geht nicht nur um Geschwindigkeit, auch wenn Beschleunigung definitiv eine grundlegende Voraussetzung für den digitalen Wandel ist. Vor allem geht es darum, alle, nicht nur die Entwickler, an einen Tisch zu bringen und ihnen eine Plattform zu geben. Das meine ich nicht im Sinne einer Softwareplattform, sondern eine Plattform im Sinne eines Ideenforums, um sinnvolle Beiträge zur Entstehung ihres digitalen Unternehmens zu leisten. So ist beispielsweise die Zurich Versicherung unser Kunde. Einer ihrer Mitarbeiter, der nicht in der IT-Abteilung tätig war, hatte die Idee, mit Mendix eine App zu entwickeln, die es einem potenziellen Kunden ermöglicht, mit seinem Smartphone ein Selfie zu machen und ihm dann auf der Grundlage einer Gesichtsanalyse innerhalb weniger Minuten ein Angebot für eine Lebensversicherung zuzuschicken. Sie hatten die App in einer Woche zum Laufen gebracht, welche anschließend Millionen Euro an neuen Einnahmen generiert hat. Das ist ein neues Modell, das es in der Versicherungsbranche so noch nie gegeben hat. Und es gibt viele weitere Beispiele von neuen Geschäftsmöglichkeiten, die die Mendix-Plattform ermöglicht.

Welche Rolle spielt KI bei der Low-Code-Entwicklung? Sehen Sie eine Entwicklung von Low-Code in Richtung sich selbst programmierende KI-Werkzeuge?  

Es wird nicht mehr lange dauern, bis künstliche Intelligenz in jede Form von Software- und Anwendungsentwicklung integriert ist, und natürlich ist maschinelles Lernen eine wichtige Datenquelle für die KI. Wir haben bereits einen maßgeschneiderten KI-Assistenten in die Mendix-Plattform integriert. Für nicht technikaffine Nutzer ist Mendix Assistwie ein persönlicher Tutor, der die Erlernbarkeit der Tools verbessert und den Nutzer Schritt für Schritt durch den Prozess der Erstellung eines Prototypen oder einer tatsächlichen App führt. Für professionelle Entwickler übernimmt Mendix Assistdie Rolle eines virtuellen Partner-Programmierers, der fachkundig zu den nächsten Schritten berät, die Logik überprüft und hilft, Fehler zu erkennen, bevor sie Teil der App werden. Das ist der heutige Stand. Werden wir in Zukunft eine sich selbst programmierende KI sehen? Das ist eine eigene Diskussion, die sich um Philosophie, Ethik und so viel mehr drehen muss. Einige prominente Denker aus dem Technologiesektor haben bereits vor einer übereifrigen Einführung von KI gewarnt. Wird die KI immer besser darin werden, die Softwareentwicklung zu optimieren? Auf jeden Fall. Wird sie den Menschen ersetzen oder völlig autonom werden? Es wird immer Entscheidungen geben, die menschliches Eingreifen erfordern. Die Zukunft heißt Low-Code mit KI und Menschen. 

Für uns gibt es noch eine andere Seite des KI-Themas, nämlich smarte Apps. Mit Siemens MindSphere sammeln wir Daten von IoT-Sensoren und analysieren sie mit Hilfe von KI, um alle Arten von Maschinen- und Industrieprozessen zu optimieren und dabei Erkenntnisse zu gewinnen. Diese treiben Entscheidungen voran, welche die Effizienz steigern, Kosten senken und sich positiv auf alle verwendeten Kennzahlen auswirken können. Jeden Tag wird mehr und mehr Software KI nutzen, um erstaunliche Dinge zu tun, die wir uns noch nicht einmal vorstellen können. Und Low-Code wird ein Schlüssel sein, der dieses Potenzial erschließt.

An welchen neuen Produkten arbeiten Sie? 

Um nur einige zu nennen: Studio und Studio Pro, unsere visuellen, modellbasierten integrierten Entwicklungsumgebungen für Citizen Developer und professionelle Entwickler. Wir haben auf der Mendix World (die COMPUTERWELT berichtete) unter anderem ihre integrierten KI-Funktionen auf der Bühne demonstriert. Wir bieten Unterstützung für jede Cloud dank erweitertem Kubernetes-Support und Microservices. Wir haben die einzige echt-native mobile Low-Code-Entwicklungsumgebung mit React Native. Unsere Kunden profitieren von der vollständigen SAP HANA-Integration sowie von der Integration mit MindSphere zur Unterstützung des industriellen IoT. Unser Spring ’19 Release treibt nahezu jeden Aspekt unserer Low-Code-Plattform voran.

Aber was noch wichtiger ist, sind die Kunden, die überall auf der Mendix World, auf der Bühne und in den Breakout-Sessions waren und ihre Geschichten über digitale Transformation und Empowerment erzählt haben, die sie mit Mendix erreicht haben.

Haben Sie Kunden in der DACH-Region? Falls ja, welche sind das? 

Zu unseren deutschen Kunden gehören beispielsweise das Berliner Unternehmen HelloFresh und die Stadtwerke Bielefeld. 

HelloFresh bietet dem einzelnen Verbraucher sogenannte „Kochboxen“ an. Um mit dem rasanten Wachstum Schritt zu halten, brauchte das Unternehmen eine Lösung, um den End-to-End-Prozess der Rezepterstellung, der Menüplanung und der Zutatenbeschaffung zu steuern. HelloFresh konnte mit Mendix diese Prozesse automatisieren und dadurch 40 Prozent der bisher für die Dateneingabe aufgewendeten Zeit einsparen und die Bearbeitungszeit deutlich reduzieren. 

Die Stadtwerke Bielefeld sind in den Bereichen Energie, Wasser, Wärme, Telekommunikation, öffentlicher Nahverkehr und Schwimmbäder tätig. Mit Mendix haben sie eine neue Plattform für mobile Apps und Webanwendungen geschaffen. In einem ersten Pilotprojekt wurde ein neues B2B-Kundenportal für den Netzwerkbetrieb erfolgreich realisiert. Die Time-to-Market und die Kosten des Projekts waren im Vergleich zu früheren Schätzungen deutlich niedriger.

Zur Person

Derek Roos ist CIO von Mendix. Mit seinem Team an Softwareexperten will er die Lücke zwischen Business- und IT-Abteilungen schließen und die Entwicklung von Geschäftsanwendungen wesentlich einfacher, schneller und kooperativer gestalten. Roos hat einen Master-of-Science-Abschluss in Business Administration von der Erasmus University, Rotterdam. Er ist ein gefragter Referent auf IT-Konferenzen und Gastdozent an mehreren Universitäten. Roos wurde mit dem Ernst & Young Emerging Entrepreneur of the Year 2012 Award ausgezeichnet.


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