Österreich braucht mehr radikale Innovationen

Eine aktuelle Studie des AIT zeigt: Marktneuheiten helfen Firmen, schneller zu wachsen, radikale Innovationen treffen in älteren Unternehmen allerdings oft auf Widerstand. [...]

Trotz des Rückgangs des Anteils mit steigendem Firmenalter ist radikale Innovation nicht unbedingt ein Startup-Thema (c) Pixabay
Trotz des Rückgangs des Anteils mit steigendem Firmenalter ist radikale Innovation nicht unbedingt ein Startup-Thema (c) Pixabay

Etwa sechs Prozent aller Unternehmen in Österreich mit mehr als zehn Beschäftigten sind radikale Innovatoren. Diese haben eine Marktneuheit entwickelt, sind international tätig und erwirtschaften mit neuen Produkten wesentlich mehr als andere Unternehmen. Radikale Innovatoren wachsen schneller als andere Unternehmen. Zu diesen Erkenntnissen kommt eine Studie des AIT Center for Innovation Systems & Policy, die im Auftrag des Rates für Forschung und Technologieentwicklung entstanden ist.

Radikale Innovatoren finden sich einerseits überproportional häufig in Hochtechnologie- und Mittel- Hochtechnologiebranchen. Beispiele sind hier der Maschinenbau, Elektro- und Elektronikindustrie, der Fahrzeugbau aber auch Textil und Bekleidung. Vermutlich ist dieser höhere Anteil das Ergebnis der größeren technologischen Möglichkeiten für neue Produkte und Prozesse in diesen Branchen. Holz, Papier, mineralische Produkte oder die Nahrungs- und Getränkeerzeugung finden sich dagegen am unteren Ende der Verteilung, obwohl es auch hier radikale Innovatoren gibt, so die Studie.

Die Studie hat einen Zusammenhang zwischen Unternehmensalter und der Bereitschaft, radikale Innovationen hervorzubringen, herausgearbeitet: Während der Anteil radikaler Innovatoren in der Gruppe der Unternehmen, die fünf Jahre oder jünger sind, noch 10 Prozent ist, fällt dieser Anteil in den Gruppen mit einem Alter von 10-29 Jahren auf ungefähr fünf bis sechs Prozent, um später in der Gruppe der ältesten Firmen auf zwei Prozent weiter abzusteigen.

Trotz des Rückgangs des Anteils mit steigendem Firmenalter ist radikale Innovation nicht unbedingt ein Startup-Thema: Radikale Innovatoren haben im Durchschnitt mehr als 100 Beschäftigte, während die durchschnittliche Beschäftigtenzahl bei Startups nur 8,2 Personen beträgt.

„Der Abfall des Anteils radikaler Innovatoren nach dem fünften Jahr ist vielleicht auch ein Zeichen, dass die Mehrheit der Unternehmen die Anfangserfolge mit der ersten radikalen Innovation nicht mehr mit einer zweiten radikalen Innovation wiederholen kann. Möglicherweise war die radikale Innovation das Ergebnis jahrelanger Entwicklungsarbeit, die die/der Entrepreneur nicht mehr wiederholen kann oder will. Solche ‚one hit wonder‘ sind auch aus der Forschung zu schnellwachsenden Unternehmen bekannt. Schnelles Wachstum ist ein zeitlich begrenzter Abschnitt im Leben dieser Unternehmen. Die überwiegende Mehrzahl der schnellwachsenden Unternehmen schafft es nicht, ihr Wachstum über einen längeren Zeitraum aufrecht zu erhalten“, schreibt der Studienautor Bernhard Dachs, Senior Scientist am AIT, und kommentiert: „Radikale Innovationen treffen in älteren Unternehmen oft auf Widerstand: statt auf radikale Innovationen zu setzen, konzentriert sich ihr Management lieber auf die Weiterentwicklung jener Technologien und Geschäftsmodelle, mit denen sie in der Vergangenheit erfolgreich waren.“

Interessante Resultate bietet auch ein Vergleich des Kooperationsverhaltens zwischen Firmen verschiedener Altersgruppen. Die Häufigkeit von Kooperationen steigt mit dem Unternehmensalter, von 48 Prozent in der jüngsten Altersgruppe auf 60 Prozent in der Gruppe der ältesten Firmen. Firmen haben mit steigendem Alter (und damit steigender Firmengröße) tendenziell mehr Ressourcen für Innovationskooperationen zur Verfügung.

„Allerdings beschränken sich Firmen zunehmend auf Kooperationen in Europa und mit Firmenpartnern: Sowohl der Anteil der Firmen mit Kooperationspartnern außerhalb Europas als auch der Anteil der Unternehmen, die mit Universitäten kooperieren, geht mit steigendem Alter zurück. Die Kooperationsaktivitäten scheinen sich allerdings auf die bekannten Partner zu konzentrieren, was sich etwa beim Rückgang der außereuropäischen Kooperationen zeigt. Eine höhere Neigung junger Unternehmen mit außereuropäischen zu kooperieren ist ein Zeichen für breitere Suchstrategien (eine Vorbedingung radikaler Innovation), zeigt aber auch möglicherweise, dass es für diese Unternehmen schwierig ist, in etablierte Kooperationsnetzwerke in Europa einzusteigen oder diese Netzwerke für junge Firmen weniger interessant als außereuropäische Partner sind“, so die Studie.

Widerstand findet sich auch im Vergabesystem: „So sehen wir etwa, dass der Zugang zu Förderungen und Subventionen für radikale Innovatoren schwieriger ist als für die übrigen Firmen, obwohl radikale Innovatoren deutlich F&E-intensiver sind und deutlich mehr kooperieren als andere Unternehmen. Diese Beobachtung unterstützt die Forderung nach einer Neuausrichtung der Vergabeprozesse inklusive mehr Interaktion zwischen Fördernehmern und Förderorganisationen.“

Auf Basis der Anaylse formuliert Studienautor Bernhard Dachs drei Ansätze zur Förderung von radikalen Innovationen durch zusätzliche finanzielle Mittel und Förderprogramme:

  • „Erstens: eine stärkere Berücksichtigung junger Unternehmen im Basisprogramm der FFG. Die Ergebnisse zeigen, dass ein niedriges Unternehmensalter mit vielen positiven Eigenschaften radikaler Innovatoren korreliert. Die Förderung junger Unternehmen ist damit ein einfach administrierbarer Weg, um einen höheren Anteil von radikalen Innovatoren anzusprechen. Zusätzlich sollte die FFG in die Lage versetzt werden, im Basisprogramm riskantere Projekte zu fördern. Allerdings sollte zuerst geklärt werden, ob Förderungen tatsächlich risikoavers vergeben werden und was die Gründe für den niedrigen Anteil gescheiterten Unternehmen sind.
  • Zweitens: neue Maßnahmen, die die Vernetzung von Unternehmen mit außereuropäischen Partnern fördern. Österreich hat einen hohen Anteil an kooperierenden Unternehmen, diese Kooperationen finden aber hauptsächlich innerhalb von Europa statt. Die Ergebnisse zeigen, dass außereuropäische Kooperationen für radikale Innovation essentiell sind. Ähnliches gilt für Kooperationen zwischen Universitäten und Unternehmen, wobei hier schon Programme existieren.
  • Drittens: eine stärkere Förderung der Wachstums- und Expansionsphase von Firmen, die bereits vier bis fünf Jahre existieren und die Konzept- und Startup-Phase bereits hinter sich gebracht haben. Der Global Entrepreneurship Monitor 2018 schlägt hier einige Maßnahmen vor wie etwa steuerliche Anreizsysteme für Privatanlegerinnen und -anleger, eine weitere Attraktivierung von Mezzaninkapital, oder eine anlegerfreundlichere Politik, die den österreichischen Kapitalmarkt weiter stärken und so neue Finanzierungsmöglichkeiten für radikale Innovationen schaffen könnte.“

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