Personalisierte Medizin: Für den Einsatz realer Patientendaten

Beim gerade höchste eingeschränkten Europäischen Forum Alpbach, das vornehmlich virtuell stattfindet, diskutierten am Dienstag im Kongresszentrum Alpbach Roche-Vorstand Severin Schwan und Bart de Witte, langjähriger Branchen-Experte für die digitale Transformation im Gesundheitswesen. [...]

Computerwelt Augenschein vor Ort: Nur wenige Teilnehmer können heuer vor Ort am Forum Alpbach teilnehmen. Dafür werden die meisten Sessions online übertragen und das Gesamtticket für die virtuelle Teilnahme kostet nur 90 Euro. (c) Wahlmüller

„Personalisierte Medizin – Pret-a-porter or Haute Couture“? unter diesem Thema wurde Dienstag vormittags über die Zukunft des Gesundheitswesens diskutiert. Dass die personalisierte Medizin mit fortschreitender Ditgitalisierung einhergeht, ist Fakt. Fraglich ist, allerdings das Wie und vor allem auch in welcher Geschwindigkeit und welchem Ausmaß das möglich ist. Personalisierte Medizin heißt ja nichts anderes als, dass Diagnose und Therapie total individuell auf die einzelnen Patienten abgestimmt ist und diese genau das bekommen, was sie jeweils benötigen. Damit personalisierte Medizin erfolgreich ist, braucht es immer mehr „auch digitalisierte Gesundheitsdaten“, meinte Roche-Vorstandsvorsitzender Severin Schwan bei den Alpbacher Gesundheitsgesprächen. Wäre es möglich, die extrem teuren klinischen Studien durch die Auswertung von Patientendaten aus der realen Welt ersetzen, wäre das ein wesentlicher Fortschritt, betonte Schwan.

Kosten könnten reduziert werden

„Es gibt ein enormes Potenzial für Kostenreduktionen. Derzeit bilden wir Hypothesen und testen in klinischen Studien an Patienten, ob etwas wirkt oder nicht. Es ist keine Frage, dass wir mit Big Data aus der realen Welt schneller und besser werden könnten“, erklärte der Roche-Vorstandsvorsitzende.

Der Belgier Bart de Witte, der acht Jahre den Bereich Digital Health bei IBM im DACH-Raum geleitet hatte, bevor er im März 2019 mit der HIPPO AI Foundation mit Sitz in Berlin das erste globale NGO für Open-Source–basierte Künstliche Intelligenz in der Medizin gründete, tritt laut seinen eigenen Worten für einen „verantwortungsvollen Kapitalismus“ ein. Es sei zu hinterfragen, wenn der Pharmakonzern Novartis für die patentierte Gentherapie „Zolgensma“ gegen angeborene spinale Muskeldystrophie 2,1 Millionen US-Dollar (!) verlange. „Die Entwicklungskosten von ‚Zolgensma‘ sind bei 75 Millionen US-Dollar (63,28 Mio. Euro) gelegen“, sagte Bart De Witte. Der Schweizer Konzern habe dann das Unternehmen, das diese Therapieform „erfunden“ habe, um 8,7 Milliarden US-Dollar (7,34 Mrd. Euro) gekauft. Hier sei sehr viel Geld im Spiel.

Schwan verteidigte die Patentrechte der Pharmaindustrie: „Würden wir den Schutz unseres geistigen Eigentums verlieren, wäre das ein sehr gefährlicher Weg. Könnten wir unser Know-how nicht schützen, würde uns niemand mehr Geld geben.“ Geistiges Eigentum und ein möglichst gleicher Zugang zu Dienstleistungen im Gesundheitswesen seien kein Widerspruch.

Vieles ist jetzt auf einmal möglich

Bart de Witte sieht es als eine Mission an, „das Potential von Künstlicher Intelligenz so einzusetzen, dass allen Patienten der Zugang zu Präzisions- und personalisierter Medizin offensteht. Gleichzeitig müssen wir Anreize schaffen, damit Unternehmen innovative Technologien entwickeln und vermarkten können“, räumte er ein. Er betonte zudem den Wert solidarischer Systeme: „Was man in der derzeitigen Krise sieht? Systeme mit einem relativ gleichen Zugang zum Gesundheitswesen kommen besser aus der Krise heraus.“ Der gemeinsame Feind SARS-CoV-2 bringe sogar die größten Machtblöcke der Erde zu einer Zusammenarbeit.

„Was früher Monate oder Jahre benötigte, geschieht jetzt innerhalb von Wochen“, hob der Roche-Vorstandsvorsitzende eine positive Auswirkung hervor. Covid-19 habe zu einer enormen Verbesserung der Kooperation der Pharmaindustrie mit Zulassungsbehörden geführt – und auch innerhalb der Pharmaindustrie selbst sei die Zusammenarbeit besser geworden.

Unterstützt von Roche fand nachmittags auch eine sogenannten Closed Working Group statt, ein neues Format, das vor allem angesichts der Krise heuer neu eingeführt wurde. Nur wenige Teilnehmer sollen dabei quasi in einer Arbeitsgruppe diskutieren. Zum Thema „Chancen und Risiken von Datennutzung im Gesundheitssystem“ tagten heute in solch einer Closed Working Group Gerald Bachinger, NÖ Pflege und Patientenanwalt, Susanee Erkens-Reck, Geschäftsführerin von Roche Austria, Michaela Fritz, Vizerektorin für Forschung und Innovation der Meduni Wien, Günter Rauchegger, ELGA-Geschäftsführer sowei Christa Wirthumer-Hoche, Geschäftsfeldleiterin AGES Medizinmarktaufsicht. Die Ergebnisse sollten in Form einer Video-Zusammenfassung im September öffentlich zugänglich gemacht werden.


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