Status der digitalen Transformation österreichischer KMU

Laut der vom WKÖ-Fachverband UBIT initiierten KMU Digitalisierungsstudie 2018 haben heimische KMU die DSGVO nahezu bewältigt. Handlungsbedarf besteht nun bei der Digitalisierung aller betrieblichen Prozessen. [...]

v.l.n.r.: Dietmar Rößl (WU Wien - Institut für KMU Management), Alfred Harl (Obmann Fachverband UBIT), Sonja Zwazl (Präsidentin Wirtschaftskammer NÖ), Walter Ruck (Präsident Wirtschaftskammer Wien), Sarah Gillessen (Management Consultant Arthur D. Little) und Jan Trionow (CEO Hutchison Drei Austria) bei der Präsentation der KMU Digitalisierungsstudie. (c) UBIT/Tsitsos
v.l.n.r.: Dietmar Rößl (WU Wien - Institut für KMU Management), Alfred Harl (Obmann Fachverband UBIT), Sonja Zwazl (Präsidentin Wirtschaftskammer NÖ), Walter Ruck (Präsident Wirtschaftskammer Wien), Sarah Gillessen (Management Consultant Arthur D. Little) und Jan Trionow (CEO Hutchison Drei Austria) bei der Präsentation der KMU Digitalisierungsstudie. (c) UBIT/Tsitsos

„Die EU-Datenschutzgrundverordnung ist nahezu bewältigt – jetzt sind weitere Datensicherheit und die Digitalisierung aller betrieblichen Prozesse, wie etwa IT-Infrastrukturen, Administration, Kommunikationsprozesse, in Österreichs Unternehmen das wichtigste Ziel”, so Alfred Harl, Obmann des Fachverbands Unternehmensberatung, Buchhaltung und Informationstechnologie (UBIT). „Webshops und der Endkundenhandel rücken zwar in den Fokus von Unternehmen, aber digitaler Transfer hört dort nicht auf. Die Diskrepanz zwischen dem digitalen Verhalten der Nutzer bzw. Kunden und der Digitalisierung von Unternehmen gehört geschlossen.“

Aus diesem Grund setzen die Wirtschaftskammern Österreichs und der Fachverband UBIT Maßnahmen, um Unternehmen bei der Digitalisierung zu unterstützen. Wichtiger Ausgangspunkt und Wissens-Tool ist dabei eine vom Fachverband UBIT der Wirtschaftskammer Österreich initiierte, mit starker Beteiligung der Wirtschaftskammern in den Bundesländern, Hutchison Drei Austria sowie des Institut für KMU-Management der Wirtschaftsuniversität Wien, unter der Leitung von Arthur D. Little Austria zum zweiten Mal durchgeführte Studie, zum Status der digitalen Transformation österreichischer KMU. „Die Analyse ist enorm wichtig, um die Entwicklungen zu beurteilen und auch zu sehen, wo wichtige Hebel zur Stärkung und Förderung der Unternehmen liegen“, sagt Alfred Harl.

Digitalisierungsindex und Top-Erkenntnisse

Um ein umfassendes Bild vom Digitalisierungsstand der KMU zu erhalten, wurden fünf inhaltliche Themenfelder abgefragt: 1. Treiber und Herausforderungen der Digitalisierung, 2. Rolle der digitalen Transformation bei Produkten und Services, 3. Umfang der Digitalisierung im Betrieb und in den Tätigkeiten, 4. Nutzung digitaler Kanäle zur Kundengewinnung und Kundenmanagement sowie 5. der Stellenwert der digitalen Transformation in Kultur und am Arbeitsplatz.

Der sogenannte Digitalisierungsindex, der neu erhoben wurde, ordnet die Unternehmen den Kategorien „Digitaler Neuling“, „Digital bewusst“, „Digital orientiert“ und „Digitaler Champion“ zu. „Der Großteil der befragten KMU, über sieben Branchen hinweg, befindet sich im Bereich ‚Digitaler Neuling‘ oder ‚Digital bewusst‘. Die Branchen, Bank und Versicherung‘ sowie ‚Information und Consulting‘ sind am stärksten digitalisiert. Vor allem in den Sparten ‚Gewerbe und Handwerk‘ gibt es Aufholbedarf“, erklärt Sarah Gillessen, Studienleiterin von Arthur D. Little und ergänzt: „Die einfachen und kostengünstigen Möglichkeiten und Tools, die dabei unterstützen können, sind jedoch bei den KMU nicht ausreichend bekannt.“

DSGVO hat Bewusstsein für Datensicherung bewirkt

Die größte Herausforderung 2018 war und ist für 54 Prozent der befragten KMU die neue Europäische Datenschutzgrundverordnung (DSGVO), die Ende Mai 2018 in Kraft getreten ist. Zum Vergleich: In der Studie 2017 war die DSGVO als Herausforderung noch gar kein Thema.

Die Studie zeigt zudem eindrucksvoll, dass mit der Einführung der DSGVO das Bewusstsein für verantwortungsbewussten Datenumgang und deren Sicherheit an die Spitze des unternehmerischen Bewusstseins gerückt ist. 2017 hatten nur 32 Prozent angegeben von der DSGVO betroffen zu sein, dieser Wert ist 2018 auf 83 Prozent angestiegen. Datensicherung hat für 40 Prozent der Unternehmen Top-Priorität, im Vergleich zum eigenen Webauftritt (39 Prozent) und Internet Banking (34 Prozent). 53 Prozent der Unternehmen geben an, dass sie die Daten in der eigenen Betriebsstätte speichern, weitere 21 Prozent legen Wert auf einen Datenspeicher in Österreich und 17 Prozent wollen einen Datenspeicher in Europa.

Die Studie zeigt jedoch auch: Es besteht weiterhin große Unsicherheit in Bezug auf die DSGVO. Viele Unternehmen (43 Prozent in 2018 versus 34 Prozent in 2017) brauchen Beratung und erwarten eine Verbesserung des rechtlichen Rahmens.

KMU identifizieren Chancen aus der Digitalisierung

Die voranschreitende Digitalisierung wird von zwei Drittel (61 Prozent) der Befragten als Chance zur Gewinnung von Neukunden gesehen; die Hälfte der Befragten hofft auf Kostenersparnis. Zusätzlich geben die Unternehmen an, dass Webseiten auf mobilen Endgeräten für Kundenakquise am besten funktionieren. Auffallend ist, dass eher jene Branchen mit einem niedrigen Digitalisierungsindex einen Beschäftigungsrückgang durch die Digitalisierung erwarten, während 18 Prozent im vorderen Indexbereich angesiedelte Unternehmen häufiger einen Anstieg der Beschäftigung voraussehen.

„Unternehmen ist inzwischen bewusst, dass die Digitalisierung sie wesentlich und grundlegender betrifft und betreffen wird: Das zeigt sich an der massiven Steigerung der Nennungen von Auswirkungen auf interne Abläufe (+61 Prozent), auf das Produktportfolio (+56 Prozent), auf völlig neue Konkurrenten (+50 Prozent), auf neue Märkte, Geschäfts-felder und Kundengruppen (+33 Prozent), als zentrale Herausforderungen und zudem Chancen der Digitalisierung“, sagt Dietmar Rößl vom Institut für KMU-Management der Wirtschaftsuniversität Wien.

Hindernisse: fehlendes Knowhow, Finanzielles und rechtliche Bedingungen

Neben Chancen zeigt die Studie auch, welche Herausforderungen und Hindernisse KMU in der digitalen Veränderung sehen: Als größte Hindernisse im Zuge der Digitalisierung wurden fehlendes Knowhow und fehlende Informationen zur Digitalisierung von 35 Prozent sowie mit sogar 36 Prozent die fehlenden finanziellen Ressourcen angegeben. Hoch im Kurs bei Herausforderungen und Wünschen für die Zukunft sind mit 43 Prozent bessere rechtliche Rahmenbedingungen. „Bei fast der Hälfte, 48 Prozent, der KMU besteht großer Bedarf an Beratung und Unterstützung bei der Umsetzung der digitalen Transformation. Das ist ein Handlungsauftrag für uns und unsere Top-Berater“, sagt Alfred Harl.

Wirtschaftskammern treiben Digitalisierung voran

Die umfassenden Maßnahmen der Wirtschaftskammern Österreichs stärken die Unternehmen bei ihren Digitalisierungsinitiativen. Für Walter Ruck, Präsident der Wirtschaftskammer Wien (WK Wien), sind zwei Säulen entscheidend, damit Betriebe ihr digitales Potenzial heben können: Innovationsgeist und Infrastruktur. „Digitalisierung ist bereits Realität. Umso wichtiger ist es, dass jede Branche ihre digitalen Weiterentwicklungsmöglichkeiten und Chancen hebt.” Um Wiens Unternehmen und den Standort wettbewerbsfähig für die Zukunft zu rüsten sei entscheidend, rechtzeitig die notwendigen Weichen zu stellen. Dazu gehöre vor allem der flächendeckende Breitbandinternet-Ausbau. „Gerade in den Randgebieten Wiens, wo viele Unternehmen angesiedelt sind, gibt es Lücken, die geschlossen gehören,“ so Ruck.

Weiters fordert der Präsident der Wirtschaftskammer Wien einen stärkeren Fokus auf die Digitalisierung in Schule und Ausbildung: „Wir müssen den Innovationsgeist von der Lehre bis zur Universität etablieren und kultivieren.” Wie die Studie ergeben hat, sehen Wiener Betriebe auch den sicheren Umgang mit Daten als Basis für den Erfolg und Fortschritt bei der Digitalisierung. 40 Prozent der befragten Wiener KMU sehen die Datensicherung als Top-Priorität der nächsten 12 Monate. Die WK Wien hat hier kürzlich mit Austrian Cloud ein Gütesiegel für heimische Cloud-Dienstleister mit Speicherstandort Wien eingeführt.

„Bemerkenswert ist, dass unsere niederösterreichischen Unternehmen, die sich bereits stärker mit der Digitalisierung beschäftigt haben, zusätzliche Chancen, sowohl wirtschaftlich als auch bei den Arbeitsplätzen, erkennen. Dagegen zeigen Unternehmen, die sich mit der Digitalisierung bisher nur wenig auseinandergesetzt haben, Unsicherheit und Skepsis. Hier müssen wir ansetzen“, betont Sonja Zwazl, Präsidentin der Wirtschaftskammer Niederösterreich (WKNÖ). Wissenstransfer, Beratung, das Aufzeigen von Trends und konkrete Unterstützung bei der Umsetzung von Digitalisierungsprojekten seien hier gleichermaßen gefordert. „Die Wirtschaftskammer NÖ setzt sich dafür ein, die Nutzung der Digitalisierung und neuer Technologien im eigenen Haus sowie bei den Mitgliedsbetrieben voranzutreiben. Gleiches gilt für den Ausbau der Kommunikationsinfrastruktur. Parallel werden Förderangebote speziell für Klein- und Mittelbetriebe weiter forciert, um die Digitalisierung im unternehmerischen und gesellschaftlichen Alltag als selbstverständlichen Bestandteil zu verankern“, so Zwazl.

digiNATION Masterplan in Ausrollung

Die KMU Digitalisierungsstudie macht noch einmal deutlich: Österreich benötigt rasch eine umfassende Digitalisierungs-Offensive. IT-Nachwuchs wird dringend gebraucht – vor allem in hochqualifizierten und spezialisierten Bereichen. Der Mangel an IT-Experten steigt weiter an. Hier setzt der Fachverband UBIT mit seinem digiNATION Masterplan an, der unter anderem mehr Ausbildungsplätze und keine Zugangsbeschränkungen für den Studiengang Informatik an Universitäten und Fachhochschulen vorsieht sowie einmal die Woche Informatikunterricht schon ab der Volksschule.

Die Forderung nach Einführung eines öffentlichen Monitorings, das laufend den Bedarf an IT-Arbeitskräften und Studienplätzen aufzeigt und das Interesse für neue IT-Berufsbilder ankurbelt, wurde vom Fachverband UBIT formuliert. Zudem ist besonders für Unternehmen, vor allem Klein- und Mittelbetriebe, die Fortführung bzw. sogar der Ausbau des Förderprogramms KMU DIGITAL enorm wichtig.


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