VÖSI mit IT-Kollektivvertrag 2021 zufrieden

Nach kurzen Verhandlungen der Sozialpartner bringt der IT-Kollektivvertrag 2021 (IT-KV) eine leichte Erhöhung der Gehälter für die Branche. Der Verband Österreichischer Software Industrie (VÖSI) zeigte sich mit dem Abschluss zufrieden. Präsident Peter Lieber sieht im Interview die IT-Branche gefordert. [...]

VÖSI Präsident Peter Lieber. (c) VÖSI

Die Corona-Krise hat sich zwar als Motor für Digitalisierung herausgestellt, viele Unternehmen konnten aber nur die dringendst notwendigen IT-Projekte durchführen – und mussten angesichts der unsicheren wirtschaftlichen Lage auch IT-Projekte aufschieben oder sogar stoppen. Daher brachte die Corona-Krise auch für viele IT-Unternehmen eine angespannte Situation. „Die heurige Verhandlungsrunde war naturgemäß stark von der Krise geprägt, aber wir sind mit den Verhandlungen zum IT-KV und vor allem mit dem raschen Ergebnis durchaus zufrieden“, betonte VÖSI Präsident Peter Lieber. „Der Abschluss entspricht ziemlich genau dem, was unsere VÖSI Mitgliedsunternehmen im Mittel vorgeschlagen haben und ist dementsprechend der aktuellen Marktsituation gut angepasst“, so Lieber in einer Aussendung.

„Unsere Positionen wurden in den Verhandlungen berücksichtigt, es war ein insgesamt rascher, sehr konstruktiver Prozess, der für alle Beschäftigen und Betriebe eine akzeptable Lösung bringt“, zollte Peter Fleischmann, VÖSI Vorstand und Geschäftsführer InfraSoft Datenservice, dem Verhandlungsteam Beifall. Fleischmann vertrat wie bereits in den vergangenen Jahren die Interessen der VÖSI Mitglieder bei den IT-Kollektivvertragsverhandlungen. „Wir freuen uns insbesondere, dass die Branche auch personell wächst“, sagte Fleischmann. Laut letzten Erhebungen der WKO waren 2019 rund 77.000 Angestellte im IT-Dienstleistungs-Bereich in Österreich beschäftigt. (2018: rund 73.000).

Allerdings ist die Entwicklung bei den Lehrlingen laut VÖSI „besorgniserregend“. Laut WKO-Statistik ging die Zahl der Lehrlinge in den IT-Dienstleistungsbetrieben nach zwei Wachstumsjahren im Jahr 2019 auf 690 zurück. (2018: 789 Lehrlinge; 2017: 726 Lehrlinge). Der IT-KV-Abschluss erfasst folgende Punkte:

  • Die KV Mindestgehälter werden mit 1.1.2021 um 1,5 Prozent erhöht. (im Vorjahr plus 2,3 Prozent) 
  • Die IST-Gehaltssumme ist mit Wirkung spätestens 1.7.2021 um 1,45 Prozent zu erhöhen. 
  • Die Lehrlingsentschädigungen und KV Zulagen werden mit 1.1.2021 um 1,5 Prozent erhöht. 

Zusätzlich wurde für das erste Halbjahr 2021 die Einrichtung einer Arbeitsgruppe zur Evaluierung der KV Regelungen zu Telearbeit/Home Office vereinbart. Der VÖSI wird sich dieser Arbeitsgruppe anschließen. Der Kollektivvertrag tritt mit 1.1.2021 in Kraft.

Was sind Ihrer Meinung nach die Gründe für den Rückgang der Lehrlingszahlen im Jahr 2019?

Unternehmen, besonders kleinere, sehen zunehmend keinen Nutzen darin, Lehrlinge auszubilden. Das hat mit dem Aufwand an sich zu tun (Lehrlinge würden das Unternehmen ohnehin wieder verlassen), als auch mit der durchschnittlichen „Qualität“ der Lehrlinge (es wird ihnen nicht zugetraut, sich für das Unternehmen lohnenswert zu entwickeln). Dabei wird übersehen, dass eine Firma, die sich nicht verjüngt oder verjüngen kann, nicht überleben wird.

Besonders in der IT Branche sind wir sehr überheblich und erwarten uns fix fertig ausgebildete Spezialisten, die dann genau das können, was IT Unternehmen oder IT Abteilung gerade brauchen. Wir nehmen uns für die jungen Menschen einfach zu wenig Zeit – weil wir selber (vermeintlich) keine Zeit mehr haben.

Können Sie abschätzen wie die Situation der IT-Lehrlinge im Jahr 2020 aussieht?

Die Anzahl der Ausbildungsplätze wird weiter zurückgehen. Nicht-IT Firmen bieten bald mehr Ausbildungsplätze für IT Lehrlinge als IT Unternehmen. Ausbildungsverbünde werden helfen die IT-Lehrlingssituation zu verbessern und wieder mehr Ausbildungsplätze anbieten zu können.

Wie sehen ihre Mitglieder die Lehrlingssituation?

Einige mit Weitblick sehen das mit Besorgnis, (siehe erste Frage), da natürlich ein Unternehmen, dessen Eigentümer mit ein paar Arbeitsplätzen in Pension geht verschwunden ist. Die österreichische Wirtschaft, die überwiegend aus Kleinbetrieben bestehet, leidet darunter über Gebühr. 

Andere beharren auf ihre Position, dass das Problem des IT-Fachkräftemangels von wem anderen gelöst werden muss und verstehen nicht, dass es die Unternehmen sind, die hier besonders in der Verantwortung sind. Fachkräfte und besonders IT Fachkräfte wachsen nicht auf den Bäumen.

Was müsste geschehen, um die Zahlen wieder nach oben zu bringen?

Vermutlich müsste man das Ausbildungsprofil mehr diversifizieren, denn die klassischen kleinen IT Unternehmen (und es sind nur 30 Prozent IT Unternehmen, die überhaupt auch Mitarbeiter haben) – sind teils hochspezialisiert und können die Anforderungen an die Ausbildung von Lehrlingen fachlich gar nicht erfüllen. Eine andere Alternative wären Ausbildungsverbünde oder -netzwerke, um die Ängste der Unternehmer u.a. „wenn er/sie nicht passt, werde ich ihn/sie nie mehr los“ – abzufedern und Unternehmer*innen zu motivieren auch diese soziale Verantwortung zu übernehmen. Jedes IT Unternehmen sollte defakto mindestens laufend 2 Lehrlinge oder mind. 10 Prozent aller Mitarbeiter sollten Auszubilndende sein. Da die Österreichische IT Szene sehr kleinteilig ist (5-10 Mitarbeiter) – also mind. 2.

Man müsste das Thema duale Ausbildung wohl neu aufsetzen. zB jeder Maturant sollte einen handwerklichen Beruf erlernt haben – schon während der Schulzeit. Sowohl dieses Knowhow als auch der betriebswirtschaftliche Aspekt/Erkenntnisse wären hilfreich. Auf Basis der gegebenen Praxis müsste es wohl größere Anreize geben, Lehrlinge aufzunehmen und eine Lehre anzustreben, auch wenn man eine höhere Schule besuchen könnte. Geld allein wird es nicht sein. Eine Weiterbildung der Gesellschaft zu besserem Verständnis des Unternehmertums wäre wohl auch hilfreich.

Wie hat die COVID-19-Pandemie ihrer Meinung nach den Arbeitsmarkt im IKT-Bereich beeinflusst bzw. welche Veränderungen gibt es oder wird es geben?

Die Situation verschärft sich, auch deshalb, weil in kleinen Unternehmen der Lehrling als Hilfskraft leicht ersetzt werden kann und bei großen Unternehmen (mit Ausnahme des Lebensmittel-Einzelhandels) ohnehin schon verbreitet Kurzarbeit angemeldet wurde. Darüberhinaus – wie soll ein Lehrvertrag zustande kommen, wenn man sich nicht treffen darf?

Hat die Krise angesichts vermehrter Home-Office-Aktivitäten, mehr Technologie usw. auch positive Effekte auf die heimische IT-Wirtschaft bzw. können sie uns ein Stimmungsbild ihrer Mitglieder geben?

Teils, teils, da die IT Branche eine sogenannte „supportende Branche“ ist hängt es ganz klar vom Zielkundensegment des IT Unternehmens ab. Ich würde sagen im Schnitt geht’s der IT Branche vergleichsweise besser als anderen Branchen, aber eben auch nicht immer und überall. Investitionen werden (trotz Investitionsprämie) eher verschoben, das internationale Dienstleistungsgeschäft ist zudem eher zum Erliegen gekommen oder sehr reduziert.


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