Wie Googles Lizenzverbot gegen Huawei alles verändern könnte

Welche Auswirkungen hat das Lizenzverbot des Internetriesen Google gegen Huawei auf die Zukunft des Smartphone-Markts? Die Schlacht hat gerade erst begonnen... [...]

Googles Lizenzverbot gegen Huawei könnte den Smartphone-Markt von Grund auf verändern (c) Pixabay.com

Huawei’s schlechter Monat ist gerade noch viel schlimmer geworden. Laut einem Bericht von Reuters, der von beiden Unternehmen gleichermaßen bestätigt wurde, bereitet sich Google darauf vor, dem chinesischen Smartphone-Hersteller die Android-Lizenz zu entziehen und zukünftige Huawei-Handys (wie das kommende Mate 30) daran zu hindern, den Play Store und die beliebten Apps und Dienste von Google zu nutzen.

Die Überraschung kommt nur wenige Tage, nachdem US-Präsident Donald Trump eine Regierungsverordnung unterzeichnet hat, die es US-Unternehmen verbieten soll, Telekommunikationsgeräte von Unternehmen zu verwenden, die „ein nationales Sicherheitsrisiko darstellen“. Obwohl der Auftrag nicht auf ausschließlich auf Huawei zielte, nahm das Handelsministerium Huawei zugleich in seine Entity List auf und verbot es dem Smartphone-Hersteller, ohne ausdrückliche Genehmigung der Regierung Teile und Komponenten von US-Unternehmen zu kaufen. Beide Schritte machen es nun nicht nur US-amerikanischen Unternehmen äußerst schwierig, mit Huawei Geschäfte zu machen.

Folglich die schnelle Entscheidung von Google. Das Unternehmen versicherte den Huawei-Kunden, dass Updates noch 90 Tage lang geliefert würden und gab in seiner Erklärung an, dass es sich lediglich um „die Einhaltung der Verordnung und die Überprüfung der Auswirkungen“ handele, wobei die Anforderungen nicht höher sein könnten. Wenn sich der Staub lichtet, wird sich vielleicht nicht nur Huawei für immer verändert haben: Google, Android und die gesamte Smartphone-Landschaft könnten ebenfalls unwiderruflich verändert werden.

Viele Optionen, wenige Lösungen

Wenn Google Huawei’s Android-Lizenz einzieht, wird das natürlich großen Einfluss auf aktuelle und zukünftige Huawei-Geräte haben. Während der Vertrag das Kernbetriebssystem, das durch das Android Open Source Project abgedeckt und für jedermann kostenlos nutzbar ist, nicht betrifft, erhebt Google Gebühren für die Nutzung des Play Store und seiner Anwendungssuite (Gmail, Maps, YouTube, etc.) für Handys, die nach Europa geliefert werden.

Huawei hat mehrere mehrere Möglichkeiten, ein Post-Google-Smartphone zu entwickeln; aber keine davon wird einfach sein (c) Huawei

Da im Grunde genommen alle Smartphone-Hersteller ihre Waren in Europa verkaufen, ist der Verlust der Lizenz ein ernsthaftes Problem für das Unternehmen. Huawei hat im Wesentlichen drei Möglichkeiten für die Zukunft:

  • Das bestehende EMUI-Framework beibehalten, aber alle Spuren von Google zugunsten der eigenen Apps und Stores beseitigen.
  • Zusammenarbeit mit dem App Store eines Drittanbieters wie Aptoide.
  • Ein komplett neues Betriebssystem entwickeln, das nicht auf Android basiert.

Keine dieser Entscheidungen ist einfach. Als zweitgrößter Smartphone-Hersteller der Welt (nach Samsung) stellt Huawei Dutzende von verschiedenen Handys her. Eine Änderung dieser Größenordnung würde ein dramatisches Umdenken bei fast jedem Arbeitsschritt erfordern: Design, Engineering, Marketing, Preis und mehr.

Sollte allerdings eine dieser Optionen greifen, könnte Huawei’s schiere Größe den ersten echten Konkurrenten von iOS und Android schaffen und die Dominanz von Google ernsthaft beeinträchtigen.

EMUI als Dienstleistung

Um sein EMUI OS intakt zu halten und die Apps, Services und den Play Store von Google herauszunehmen, müsste Huawei entweder einen eigenen App Store entwickeln oder mit einem bestehenden Unternehmen zusammenarbeiten. Natürlich würde jeder Versuch, die aktuelle Android-Google-Erfahrung ohne Linchpins wie Google Maps und YouTube zu kopieren, mit ziemlicher Sicherheit zu einem Erlebnis führen, das unter dem liegt, was man aktuell geboten bekommt, und das mit einem viel kleineren Katalog von Apps. Unsere Smartphones sind vielleicht in der Lage, von Haus aus eine Menge zu leisten, aber sowohl Android als auch iOS sind dabei auf Drittanbieter angewiesen, um die Gerätefunktionen zu erweitern. Huawei wäre ernsthaft benachteiligt, wenn es von Grund auf bei Null anfangen müsste.

Huawei’s Watch GT verwendet ein proprietäres Betriebssystem, das ein Vorläufer des zukünftigen Smartphones sein könnte (c) Huawei

Das wahrscheinlichste Szenario ist, dass Huawei von nun an alles allein machen wird. Wir haben die Stärken seiner Technik bereits bei der Watch GT gesehen, die das selbst entwickelte Lite OS anstelle des Wear OS verwendet. Sie ist ziemlich gut, auch ohne Apps von Drittanbietern.

Natürlich würde jedes neue Huawei-Handy größere Apps benötigen, um erfolgreich zu sein. Wenn Lite OS ein Indikator sein sollte, könnte Huawei ein alternatives Betriebssystem entwickeln, das in seine eigenen Dienste integriert ist und sich nicht wie eine billige Kopie anfühlt. Das chinesische Unternehmen WeChat bietet bereits eine Plattform innerhalb einer Plattform, die Messaging, Videoanrufe, In-Game-Zahlungen und Karten in einer einzigen Launcher-ähnlichen App vereint. Huawei könnte für seine Smartphones etwas Ähnliches entwickeln und damit auf die traditionelle appbasierte Umgebung verzichten, um etwas völlig Neues zu schaffen.

Wenn Huawei so klein wie Oppo oder gar Xiaomi wäre, wäre eine weitere Android-Gabel nicht annähernd so eine große Sache. Wie Amazon mit seinen Kindle Fire Tablets bewiesen hat, ist es durchaus möglich, eine Android-Gabel ohne Google zu entwickeln und sogar mit einem eigenen App Store eine eigene Nische zu erschaffen. Ein ähnlicher Schritt von einem so großen Unternehmen wie Huawei könnte die Welt der Smartphones jedoch bis ins Mark erschüttern.

Den Riesen erschlagen

Huawei hat bereits heute Millionen von treuen Fans auf der ganzen Welt. Wenn diese plötzlich erkennen, dass Google nicht wesentlich oder sogar zentral für das Android-Erlebnis auf ihren Smartphones sein muss, könnte dies die Dominanz des Unternehmens im mobilen Bereich stark beeinträchtigen. Ja, Google kontrolliert das Spiel, aber Huawei ist schon jetzt führend in China, wo es seine eigenen Chips und Modems herstellt und viele Optimierungen und Funktionen für Android liefert.

Das Huawei Mate X könnte das Handy sein, das alles verändert (c) Adam Patrick Murray/IDG

Doch vergessen wir nicht, was auf dem Spiel steht: Huawei’s erstes Falthandy, zum Beispiel, das Mate X. Vermutlich arbeitete Huawei mit Google zusammen, um die Knicke in der einzigartigen Benutzeroberfläche vor der bevorstehenden Veröffentlichung zu beseitigen, doch jetzt könnte Huawei das mit Spannung erwartete Gerät dazu nutzen, seine Hard- und Software-Innovationen vorzustellen. Nachdem das Galaxy Fold einen derben Rückschlag erleiden musste, gibt es diesbezüglich keinen Grund zur Eile.

Wenn es dem Smartphone-Riesen Huawei gelingen würde, sich von Google und Android zu trennen, ohne in die Irrelevanz zu verfallen, könnte das die Smartphone-Landschaft grundlegend verändern. Android würde nicht mehr 80 Prozent des mobilen Marktanteils kontrollieren. Samsung könnte mit Tizen OS gleichziehen. Google hätte plötzlich mehr als Apple, um das man sich dann ernsthafte Sorgen machen müsste.

Mit einer integrierten Fanbase und einem enormen Wachstum ist Huawei einzigartig gut dafür gerüstet, auch ohne Google zu überleben. Egal ob der nächste Schritt eine Google-lose Android-Gabel oder ein Solo-EMUI-Venture sein wird, es steht weit mehr auf dem Spiel als nur Huawei’s Zukunft.

*Michael Simon schreibt für PCWorld.com und MacWorld.com


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