Ein Techniker für Wind und Wetter

Günther Tschabuschnig ist CIO des ZAMG, eines durchdigitalisierten Unternehmens. Was das für die weitere Digitalisierung bedeutet und dass Erfahrung und Intuition eines Experten nie von einer KI ersetzt werden können, erklärt der Top-CIO im Interview. [...]

Günther Tschabuschnig im sogenannten Operationsroom des ZAMG, der einen sehr guten Überblick über Wettervorgänge in ganz Österreich bietet.
Günther Tschabuschnig im sogenannten Operationsroom des ZAMG, der einen sehr guten Überblick über Wettervorgänge in ganz Österreich bietet. (c) Klaus Lorbeer

Wenn der Techniker Günther Tschabuschnig über seinen Arbeitgeber, das ZAMG (Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik) spricht, schwingt ein beträchtliches Maß an Begeisterung für das Fachgebiet der Meteorologie mit. Um die Kompetenz des Unternehmens zu illustrieren, erwähnt er quasi beiläufig, dass das ZAMG auch für die Wettervorhersage am Mount Everest zuständig ist und damit für Bergsteiger überlebenswichtige Informationen liefert. Man glaubt nicht recht zu hören: Wie kommt das ZAMG zu den Wettervorhersagen für den Mount Everest? »Man unterschätzt uns in Österreich«, kommentiert der CIO des ZAMG die Skepsis. Man sei das älteste meteorologische Institut der Welt und habe dementsprechend ein großes Portfolio an Aufgaben: von der klassischen Wettervorhersage über kritische Wettersituationen bis hin zur Geodynamik inklusive der Auswertung von illegalen Atomtests. Mit knapp 400 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sei man zwar nicht der größte, aber ein sehr etablierter und angesehener Wetterdienst. Die Spezialisierung auf Wetterprognosen in den Alpen – »ein sehr komplexes Thema« – habe zu einem großen diesbezüglichen Wissen und Knowhow beigetragen. Die Bedeutung des ZAMG schlage sich auch darin nieder, dass sein Direktor Michael Staudinger der Region VI als Präsident vorsteht – die WMO (World Meteorological Organization) unterteilt die Welt in sechs Regionen, wobei die Region VI Europa umfasst. 

Besonders glücklich ist Günther Tschabuschnig über die Anfang April erhaltene Auszeichnung zum TopCIO des Jahres 2019: »Es ist mir ganz wichtig, dass es eine Auszeichnung nicht nur für mich ist, sondern für das ganze IT-Team der ZAMG beziehungsweise der ganzen ZAMG.« CIO zu sein, bedeute ein heterogenes Team homogen zu führen, so Tschabuschnig. Der CIO Award zeigt nach außen, was es bedeutet, einen IT-Betrieb aufrecht zu erhalten. Denn mit IT verhalte es sich ja so, erklärt der CIO: »IT ist immer dann gut, wenn sie nicht in Erscheinung tritt, wenn alles funktioniert. Ein schönes Beispiel ist hier der Bereich Security. Hier holt der CIO Award die ansonsten im Hintergrund arbeitende IT ins Rampenlicht und stellt sie in den Fokus.«

Seit vier Jahren ist Günther Tschabuschnig CIO beim ZAMG, eine Zeitspanne, die durchaus von starken Veränderungen geprägt ist. Zum einen wächst die IT-Abteilung stetig und ist von 30 Mitarbeitern im Jahr 2015 auf nunmehr 40 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen angewachsen. Zum anderen habe sich die IT organisatorisch stark weiterentwickelt und von einem reinen Dienstleister zu einem strategischen Partner gewandelt. Das führte zu einer Neuaufstellung der Organisationseinheiten, zur Etablierung von Datenteams und zu einer verstärkten Fokussierung auf Innovationsthemen wie Künstliche Intelligenz und Blockchain. Man forciere jetzt IT-Projekte, auch Forschungsprojekte und entwickle z.B. mit der Stadt Wien gerade eine der größten IoT-Plattfomen Europas, erklärt Tschabuschnig.

Daten, Menschen & Maschinen 

Um einen Einblick in die Herausforderungen der IT der ZAMG zu geben, skizziert Günther Tschabuschnig das Datenaufkommen, das es zu bewältigen gilt: Der tägliche Tagesinput an Daten liegt bei der ZAMG bei 15 Terabyte, minütlich sind 100.000 Datensätze zu verarbeiten. Dafür stehen 365 Tage im Jahr, sieben Tage die Woche und 24 Stunden am Tag vier High-Performance-Computer (HPC) zu Verfügung – sowohl für produktives Arbeiten als auch für wissenschaftliche Applikationen. Auch für KI-Anwendungen werden die HPCs genutzt, hier gibt es einerseits einen vektorbasierten und andererseits einen GPU-basierten HPC. Letzterer wird hauptsächlich für Machine Learning und Deep Learning verwendet. Dabei konstatiert Tschabuschnig, dass man Big Data-Verarbeitungen schon längst betreibe, nur habe man es nicht so genannt. »In der klassischen Meteorologie bedient man sich mathematisch-physikalischer Modelle, die wir mittlerweile in Kombination mit KI machen. Das heißt: die x-Prozent, die wir nicht über die Physik oder Mathematik abdecken können, lassen wir gemeinsam mit einer KI abbilden, damit unsere Prognosen noch detaillierter werden.« 

Zudem versuche man die Künstliche Intelligenz Dritten, wie Universitäten oder der Wirtschaft »as-a-Service« anzubieten. »HPC ist bei uns nicht immer zu 100 Prozent ausgebucht. Im Bestreben kostendeckend zu sein, versuchen wir das als HPC-aaS, AI-aaS und Big Data aaS weiterzugeben.« 

Anwendungen mit Potenzial

Derzeit wird an vielen neuartigen Anwendungen geforscht, z.B. an der intelligenten Routenplanung. So beziehen die Navigationssysteme vieler Autos schon Wetterdienste mit ein. Da das ZAMG das Wetter bereits auf 150 Meter genau berechnet, kann man vorhersagen, ob in zwei oder drei Kilometer in Fahrtrichtung Hagelschlag oder eine vereiste Fahrbahn zu erwarten sind. Gegebenenfalls könnte das Navi den Fahrer umrouten, und falls er dem nachkommt und daher ein wenig länger für seinen Weg braucht, könnte ihm mittels Smart Contract eine Vergütung bei seiner Versicherung gutgeschrieben werden. Das sei aber alles noch in der Forschungs- und Entwicklungsphase weist Tschbuschnig allzu hohe Erwartungen auf eine baldige Umsetzung zurück. 

Auch der Bereich Citizen Science, bei dem das ZAMG Daten und Knowhow mit den Bürgern und Bürgerinnen austauscht, wird immer wichtiger. Durch die Rückmeldungen der Bürger könnten die Prognosen verifiziert bzw. das Modell weiter verbessert werden, erläutert der Top-CIO.

Der Mensch im Vordergrund

Obgleich die Technik in der IT naturgemäß einen gewichtigen Faktor darstellt, ist Tschabuschnig davon überzeugt, dass der Mensch im Vordergrund stehen sollte. Denn, so der CIO, »wir machen nicht Technik um der Technik und Digitalisierung um der Digitalisierung willen, sondern im Endeffekt für Kundinnen und Kunden. Dort muss sie ankommen.« Ganz essenziell sei hierbei das (IT-)Personal, und zwar das richtige Personal. Dabei zeigt sich als Besonderheit, dass nicht immer Highend-IT-Spezialisten beim ZAMG eingesetzt, sondern sehr oft Meteorologen, die zum IT-Experten ausgebildet werden. So sei der Abteilungsleiter für High-Performance-Computing ein diplomierter Meteorologe, der sich auf die Thematik HPC spezialisiert hat und, wie Tschabuschnig betont, »sicher beim Thema HPC einer der drei besten in Österreich ist.« Deswegen merke man beim ZAMG selbst dem IT-Personal auch das große Interesse für das Thema an, da Meteorologie eben auch ein Thema zum Angreifen sei. 

Die Bedeutung des Menschen zeige sich auch beim Einsatz der KI. So werde mittels KI nur das mathematisch-physikalische Modell verbessert, nicht die Berechnung. »Wir setzen die KI für den Bau der Modelle ein und betreiben daher ein Mischmodell, kein reines KI-Modell«, erklärt Günther Tschabuschnig und fährt fort: »Wir haben einerseits das automatisierte Modell und zudem andererseits auch ein Modell, wo der Mensch eingreift, wobei es hier weniger auf die Berechnung, sondern auf die Interpretation ankommt.« Gerade in Wettersituationen zähle die Erfahrung und die Intuition des Menschen, also Eigenschaften, die mit KI nicht leicht abbildbar seien, so Tschabuschnig. »Hier sind unsere Meteorolgen sehr, sehr wichtig und wir sind froh, nicht nur auf reine Rechenleistung setzen zu müssen.« 

Der CIO als ÜbersetzerIn Zukunft werde sich die Rolle des CIO ändern, ist Tschabuschnig überzeugt. Der CIO werde künftig nicht mehr der reine Techniker sein, sondern »mehr der Übersetzer, der Netzwerker, der die Fachexperten zusammenbringt.« Die Spezialisierung der einzelnen Fachabteilungen nehme stetig zu und als CIO hätte man fast keine Chance die einzelnen Bereichen bis ins Detail zu verstehen, gibt Tschabuschnig unumwunden zu und nennt den HPC-Bereich als Beispiel. Obgleich er einen guten Überblick über diesen Bereich hat, ist Tschabuschnig, wenn es um Details geht, auf seine Fachexperten angewiesen. Deswegen werde die Aufgabe des CIOs ein Team zu formen, zu führen und mit dem Fachbereich zusammenzubringen, immer wichtiger.


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