Smart ist nicht gleich smart

Aktuelle Studien zeigen, wie groß die Kluft zwischen dem Verständnis sowie der Vorstellung von Smart City zwischen den einzelnen Beteiligten ist. So setzen 38 Prozent der befragten Österreicherinnen und Österreicher den Begriff »smart« mit Überwachung gleich. [...]

In Deutschland wünschen sich 63 Prozent künftig zusätzliche Kameraüberwachung auf Veranstaltungen, um sich in den großen Menschenmengen sicherer zu fühlen. (c) Unsplash

Eine vor kurzem von Magenta veröffentlichte Studie zeigt sehr deutlich, wie unterschiedlich das Thema Smart City bei verschiedenen österreichischen Akteuren ankommt. Groß ist die Diskrepanz etwa zwischen den Entscheidungsträgern und den Anwendern. So richten beispielsweise Bürgermeisterinnen und Bürgermeister den Fokus auf Digitalisierung und Technologien beziehungsweise auf die Kommunikation mit der Gemeinde in Form von E-Governance und digitalen Bürgerservices. Die Bevölkerung wiederum hat eher die Erwartung von steigender Lebensqualität und zukunftsgerichteter Stadtplanung.  Zwei Aspekte der Studie stechen besonders hervor: 38 Prozent der Befragten kennen keine Anwendung einer intelligenten Stadt oder Gemeinde und assoziieren den Begriff »smart« mit Überwachung. Werner Kraus, CCO Business bei Magenta Telekom: »In diesem Bereich ist viel Aufklärungsarbeit notwendig, um Zusammenhänge besser zu verdeutlichen, eventuelle Vorbehalte zu adressieren und die Vorteile in Bezug auf Effizienzgewinn, Ressourcenschonung, Umweltschutz bis hin zu Sicherheitsaspekten zu verdeutlichen. Wenn beispielsweise Daten zur Abfallwirtschaft gesammelt werden, wird niemand überwacht. Es wird lediglich der Füllstand eines Mülleimers gemessen, um diesen dann gezielt im Rahmen einer intelligenten Routenberechnung für die Einsatzkräften ausleeren zu können.«

Die Bevölkerung erachtet auf der einen Seite die Transparenz, die raschere Verfügbarkeit von Informationen sowie die Vereinfachung von Amtswegen und die damit einhergehende Steigerung der Lebensqualität als großen Vorteil, ebenso wie Klima- und Umweltschutzaspekte, die bei jüngeren Studienteilnehmern wesentlich dominanter sind und öfter genannt werden. Bestehende Ängste beziehen sich auf die Datenschutz-Problematik, eine mögliche Abhängigkeit von Technologien, der Beschleunigung des Alltags, soziale Distanzierung in der Gesellschaft und gerade bei den älteren Befragten darauf, an der Digitalisierung zu scheitern. 

»Aufklärungsarbeit ist dringend notwendig, da vielfach ein falsches Bild von Smart City entsteht. Was die soziale Inklusion betrifft, tragen diese Konzepte sogar explizit dazu bei. Ein Beispiel ist die smarte Grätzelbildung, im Rahmen derer sich Menschen in der Nachbarschaft, in Wohnanlagen zu unterschiedlichsten Zwecken vernetzen. Auf diese Weise entstehen in Städten Gemeinschaften, wie man sie eher von Wohnhaussiedlungen am Land gewohnt ist«, so Kraus.

Beispiel Videoüberwachung

Das niederländische Marktforschungsunternehmen Multiscope hat im Januar 2021 im Auftrag von Axis Communications insgesamt 4.500 Personen in Deutschland, Österreich, der Schweiz und den Benelux-Ländern mittels einer Online-Studie zu ihrem Sicherheitsempfinden befragt. Das Ergebnis: In Deutschland wünschen sich 63 Prozent künftig zusätzliche Kameraüberwachung auf Veranstaltungen, um sich in den großen Menschenmengen sicherer zu fühlen. Noch überzeugter sind die Nachbarn vom allgemeinen Nutzen und der Effektivität von sogenannten Bodycams – laut Umfrage glauben fast Dreiviertel, dass am Körper getragene Kameras das Leben von Polizeibeamten und Sicherheitspersonal, unter anderem bei Großveranstaltungen, erleichtern. Nur acht Prozent glauben nicht daran. Darüber hinaus ist die Mehrheit (64 Prozent) der Umfrageteilnehmer in Deutschland der Meinung, dass Kameras ihr Sicherheitsgefühl auf den Straßen erhöhen. Nur 14 Prozent stimmen dieser Aussage nicht zu. 

Gerade während der Nachtstunden fühlen sich viele unsicher. Knapp die Hälfte (48 Prozent) hat laut Umfrage nachts Angst auf Deutschlands Straßen unterwegs zu sein und hält deswegen das Smartphone stets griffbereit. In Österreich (43 Prozent) und der Schweiz (39 Prozent) sind die Zahlen vergleichbar, wenn auch etwas niedriger. Bei den befragten Frauen in Deutschland liegt der Anteil sogar bei über 63 Prozent. Gleichzeitig empfindet nur ein Drittel (32 Prozent) der befragten Deutschen Videokameras als Eingriff in die Privatsphäre. 

In Österreich (33 Prozent) und der Schweiz (37 Prozent) fallen die Zahlen vergleichbar aus, wobei die Schweizer von den fünf befragten Ländern den Kameras am skeptischsten gegenüberstehen. In den Niederlanden empfinden sogar nur 18 Prozent der Bevölkerung Videokameras als Eingriff in ihre Privatsphäre. In Belgien liegt der Wert bei 22 Prozent.

Vier Kommunentypen

Das eingangs erwähnten Diskrepanzen in Sachen Smart City betreffen auch die die Kommunen selbst. Das deutsche Kompetenzzentrum Öffentliche IT (ÖFIT) des Fraunhofer-Instituts hat im Kontext der Digitalisierung der Verwaltung vier Kommunentypen herausgearbeitet, die sich im Verständnis, Adressaten und beim Erarbeitungsprozess unterscheiden, die maßgeblich für den Umgang mit verschiedenen konkreten Herausforderungen sind. 

  • Die Bedächtigen: Dieser Typ Kommune legt den Schwerpunkt insbesondere auf die Umsetzung rechtlicher Vorgaben. Ihren eigenen Digitalisierungsgrad bewerten sie im Vergleich zu den anderen Kommunentypen eher zurück­haltend. Die Bedächtigen sind besonders offen für digitale Innovationen, wenn sich diese bereits in der Praxis als tauglich erwiesen haben. Sie orientieren sich in ihrem Handeln über­ durchschnittlich häufig an Strategien und Konzepten überge­ordneter föderaler Ebenen. Unter den Bedächtigen sind ver­gleichsweise viele kleinere Kommunen zu finden.
  • Die Optimierer: Zentrales Digitalisierungsziel ist hier die Steigerung der Effizienz und Effektivität des Verwaltungshandelns, wozu digitale Leistungs­angebote der Verwaltung ausgeweitet werden sollen. Kreise finden sich im zugehörigen Cluster überproportional häufig.
  • Die Serviceorientierten: Dieser Kommunentyp legt besonders viel Wert auf eine bürger­nahe und offene Verwaltung. Die Digitalisierung soll dazu bei­ tragen, dieses Ziel zu erreichen und dadurch die Attraktivität der Kommune insgesamt zu erhöhen. Serviceorientierte finden sich unter den befragten Kommunen relativ gleich verteilt und nur etwas häufiger in Gemeinden.
  • Die Community Manager: Bei diesem Kommunentyp steht die örtliche Gemeinschaft im Mittelpunkt. Die Erhaltung und die zukunftsgerichtete Weiter­entwicklung der kommunalen Daseinsvorsorge bilden den Schwerpunkt der Digitalisierungsaktivitäten. Hierbei werden die Förderung von Wirtschaft und Zivilgesellschaft ebenso wie die Ermöglichung von Innovationen mitberücksichtigt. Das Verwal­tungshandeln spielt im Digitalisierungskontext hingegen nur eine vergleichsweise untergeordnete strategische Rolle. In die­sem Cluster finden sich überdurchschnittlich viele Städte, so die ÖFIT-Studie »Digitale Kommune: Eine Typfrage?«. 

Wer trägt die Verantwortung?

Die Autorinnen und Autoren der Studie haben auch nachgefragt, wie die Digitalisierung strukturell in der Verwaltung verankert wurde und inwieweit  neue Rollen, wie Chief Information Officer oder Chief Digital Officer, in der Praxis etabliert sind. 

Die Kommunentypen eint, dass die Verantwortung für die Ver­waltungsdigitalisierung ganz deutlich bei den Fachbereichen IT und Organisation gesehen wird. Die Bedächtigen nehmen die IT hierbei besonders häufig in die Pflicht. Umso erstaunlicher sei, so die Autoren, dass der kommunale CIO – also der oder die IT-­Verantwortliche im Verwaltungsvorstand – von allen Kommunentypen äußerst selten in der Verantwortung gesehen wird. Die Rolle scheint demzufolge in den befragten Verwaltungen noch wenig eta­bliert. 

Betrachtet man die Qualifizierung der Mitarbeiter, so werden Unterschiede je nach Kommunentyp deutlich. Generell bieten die Optimierer das größte und vielfältigste Angebot an Fortbildungen mit Digi­talisierungsbezug. Das deckt sich mit ihrem Ziel der Leistungs­steigerung des Verwaltungshandelns. Neben Angeboten zu Fachverfahren und zur digitalen Arbeitsorganisation zählen dazu Fortbildungen zu technologischen Trends, digitalen Arbeitsweisen und Methoden und Führung im digitalen Zeital­ter. Auch wenn die Optimierer primär auf die Verwaltungsdigi­talisierung fokussieren, verstehen sie diese folglich nicht als »Technifizierung«, sondern bieten bei konsequenter Setzung von Schwerpunkten ein insgesamt breites Angebot an Entwick­lungsmaßnahmen, so die ÖFIT-Studie.  

Im direkten Vergleich legen die Community Manager, in deren Fortbildungsangebot Digitalisierung eine ähnlich große Rolle spielt, und die Serviceorientierten einen Schwerpunkt auf Ar­beitsweisen und Methoden sowie auf die Rolle der Führungs­kräfte. Zu diesen Themen soll das bereits starke bestehende Angebot weiter ausgebaut werden. Fortbildungen zu Fachver­fahren und Anwendungen erfahren bei diesen Kommunenty­pen hingegen eine geringere Aufmerksamkeit. Dies stimmt überein mit dem höheren Interesse an der Digitalisierung über die einzelnen Verwaltungsprozesse hinaus, der diesen beiden Kommunentypen gemein ist.

Die Bedächtigen bieten nach den Optimierern am häufigsten Fortbildungen zu Fachverfahren und Anwendungen an, weni­ger jedoch zu anderen Digitalisierungsthemen. Hier sind jedoch Größeneffekte zu berücksichtigen, von denen gerade die Viel­zahl und Breite von Inhouse­-Angeboten stark abhängig ist.

Die Studie »Digitale Kommune: Eine Typfrage?« des deutschen Kompetenzzentrums Öffentliche IT zeigt sehr gut, wie unterschiedlich Kommunen an das Thema Digitalisierung der Verwaltung als Meilenstein auf dem Weg zur Smart City herangehen, wobei die Autrinnen und Autoren darauf hinweisen, dass jeder der vier beschriebenen Ansätze seine Berechtigung hat. Auf alle Fälle problematisch erweist sich das Informationsdefizit in Sachen intelligenter Städte – sowohl aufseiten der Bevölkerung, als auch bei den Entscheidungsträgern.  Der bereits erwähnten Magenta-Studie zufolge fühlen sich nur fünf Prozent der österreichischen Gemeinden zu Themen rund um Smart City sowie entsprechender Förderungen ausreichend informiert. Das bedeutet, dass das Thema einen viel stärkeren öffentlichen Diskurs benötigt, um etwa Vorbehalte beim Thema Videoüberwachung ansprechen zu können.   


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